Berliner Morgenpost

Veröffentlicht am 16. Mrz, 2011 in WEB

Den Moment danach festhalten

Von Gabriela Walde

Wie sehen sie aus, wenn der Vorhang fällt? In ihrer Ausstellung im Martin-Gropius-Bau präsentiert Schauspielerin Margarita Broich Fotografien ihrer Kollegen kurz nach dem Auftritt – und hält so besondere Augenblicke fest.

Dieser Moment ist besonders, er kehrt vieles heraus. Den Bruch, vielleicht die Wahrheit oder die Verletzlichkeit, die jeder in sich trägt, vielleicht auch, wer man wirklich ist. Vielleicht ist es manchmal einfach nur die blanke Erschöpfung, die langsam aus dem Körper kriecht wie ein müder Holzwurm aus der Fuge. Der große Auftritt auf der Bühne ist vorbei. Das Kostüm blättert am Leib ab, wie die Rolle. Zeit ins eigene Leben zurückzukehren. Vielleicht also ist dies ein pathetischer Augenblick.

Eine, die sich mit „komischen Zwischenzuständen“ dieser Art bestens auskennt, ist die Schauspielerin Margarita Broich, die im ersten Leben gelernte Theaterfotografin am Schauspielhaus Bochum unter Claus Peymann war. Doch bald schon zog sie das verheißungsvolle Licht oben auf der Bühne mehr an, als ihre einsame Position in der nächtlichen Dunkelkammer. Und so schrieb sich die wohl behütete 23-jährige Arzttochter an der Berliner Hochschule der Künste im Fach Darstellende Kunst ein.

Sie hat immer die Kamera dabei

Ohne Kamera sei sie seitdem trotzdem nie mehr aus dem Haus gegangen, erzählt die blonde Frau, die so munter und herzhaft lachen kann. Keine große Sache also, als sie irgendwann auf die Idee kam, ihre Kollegen, Bekannte und Freunde just in dem Augenblick abzulichten, wenn sie in ihre Garderobe zurückkehren, sich an den Schminktisch setzen, sich ausziehen, eine rauchen oder in den Spiegel gucken. „Das Gesicht ist dann durchblutet“, erzählt sie, „der Blick leer.“ Sie spricht aus eigener Erfahrung, und schließlich ist ihr Mann, Martin Wuttke, in seiner geradezu tollkühnen Wandlungsfähigkeit das Paradebeispiel für furiose Veränderungen. Und nicht nur, weil er den Arturo Ui bis heute mit jeder Geste und Mimik voller Wahnsinn am Berliner Ensemble spielt. Martin, so sagt sie, sei eine „sozialistische Rampensau“, der nicht nach vorne an die Bühne ginge, wenn das die Rolle nicht auch vorsähe. Er lebt Gefühle aus, würden die Leute immer sagen, sobald Wuttke auf der Bühne wütet und schreit. „Er lebt da keine Gefühle aus“, sagt sie resolut, „er interessiert sich nur für den Stoff.“

Mittlerweile hat Margarita Broich, Jahrgang 1960, ein beachtliches, atmosphärisch dichtes Portfolio mit Künstlerporträts beisammen, das sie ab Freitag erstmals in Berlin im Martin-Gropius-Bau zeigt. „Wenn der Vorhang fällt“ titelte sie ihre Ausstellung. Und dort marschieren die Künstler nun Backstage auf, in einer beeindruckenden Fotogröße von 90 Zentimeter bis 2,60 Meter: Ben Becker, Martina Gedeck, Klaus Maria Brandauer, Otto Sander, Max Raabe, Ulrich Noethen, Volker Spengler, Veronica Ferres, Ottfried Fischer, Christiane Hörbiger und viele, viele mehr. Die meisten Kollegen hat sie in Berlin fotografiert, im Maxim Gorki Theater, an der Volksbühne, am Deutschen Theater oder am Berliner Ensemble, wo sie elf Jahre zur festen Truppe gehörte. Für John Malkovich fuhr sie nach Wien; Kate Winslet traf sie in einem Wohnwagen, wo die beiden Damen gemeinsam mit Lockenwicklern auf dem Kopf in der Garderobe saßen – in Vorbereitung zum Dreh für den „Vorleser“, in dem Broich auch mitspielte.

Nur etwa zehn Minuten dauert ihr Einsatz in der Garderobe, es muss schnell gehen. Kein zusätzliches Licht, kein Aufbau, alle wollen schnell unter die Dusche.

„Nach zehn Stunden Wallenstein ist jeder gebrochen“, sagt sie. Bei Brandauer war das so, als er in Steins Schiller-Inszenierung den Protagonisten spielte. Sie kennt ihn, „eine echte Heldenfigur“, aus der Theaterkantine. Wallenstein hatte schwere Stiefeln an, die „wie Panzer“ wirkten. „Könnten Sie die Schuhe bitte ausziehen?“, fragt sie ihn. Und so hockt er da auf einem Schemel, der Wallenstein-Brandauer, mit Bierpulle – und bloßen Füßen. „So verletzlich, so zart“, findet sie. Können Füße eine Seele haben?

Alle fragen Margarita Broich zu allererst immer nach ihrem Mann, Martin Wuttke. Das ist kein Problem für sie. Natürlich hat sie ihn in etlichen Rollen fotografiert. Für die Ausstellung, die bereits in Salzburg zu sehen war, wollte sie sich eigentlich diese Nähe zum Partner verbieten. Aber nun ist Martin doch dabei und das ist gut so. Mit wuschiger blonder Warhol-Mähne und Pudel Taxi hängt er mehr als dass er sitzt, rauchend an einem Tisch. Ziemlich blutarm sieht der Arme aus, zudem etwas derangiert, aber genau so kennen wir ihn. Das Blondhaar hängt „etwas dämlich runter“, wie ein „ungeliebtes Utensil“, das sei völlig normal nach einer Vorstellung, erzählt Broich, vor der Vorstellung hingegen säßen die Perücken wie eine zweite Haut fest dran am Schauspieler. „Anverwandlung“, so nennt sie diese Fähigkeit, die einen guten Schauspieler auszeichnet. Bei weniger guten Kollegen hingegen würde der künstliche Haarsegen regelrecht „abgestoßen“. Sieht aus wie eine schräge Badehaube!

Schnappschüsse von nur zehn Minuten

Es gibt einige sehr gute Künstlerfotografen, Herlinde Koelbl zum Beispiel, doch Broichs Fotos sind einen Hauch näher dran an den Künstlern, wahrscheinlich ist es diese Emphase, die ihre Bilder, so unverwechselbar machen. – Broich fotografiert mit dem Stallgeruch einer Schauspielerin, quasi auf theatralischer Augenhöhe. Allerdings scheint ihr diese Erklärung viel zu kompliziert. „Das hat nichts mit dem doppelten Blick zu tun oder einem Geheimnis hinter den Kulissen. Das Theater ist mein tägliches Brot, so sind auch meine Kinder aufgewachsen. Ich eigne mir keine Welt an, die mir nicht gehört, deswegen sind meine Bilder auch nie voyeuristisch.“ Deshalb käme sie nie auf die Idee, wildfremde Leute zu fotografieren.

Die Idee zu der Porträtserie entstand, als sie im Jahr 2001 nach der Vorstellung von Schlingensiefs „Rosebud“ in der Volksbühne in die Garderobe kam, sie spielte damals die blonde Kanzlergattin. Da glotzte ihr das eigene total mit Theaterblut verschmiert Gesicht im Spiegel entgegen. „Das sah aus wie nach einem Verkehrsunfall, das hat mich erschrocken“, nach und nach fand sie Lust daran, sich in ihren wechselnden Kostümen zu fotografieren. Später kam Martin dran, irgendwann wurden es halt immer mehr, Freunde, Bekannte, Filmpartner.

Ihr selbst haben die Fotos noch einmal deutlich gemacht, wie viel ihr der Schauspielberuf eigentlich bedeutet. Sie weiß auch, sagt sie, warum diese Fotos so aussagekräftig sind, weil die abgebildeten Personen unverstellt und ungekünstelt daherkommen, wie man sie sonst eben nie sieht. „Das sind unehrgeizige Fotos“, findet sie, „weil die Schauspieler kein Ziel verfolgen, ihr sonst so starker Darstellungstrieb ist nach der Vorstellung schlicht weg.“

Einen ungehoben Fundus ruht noch in ihrer Wilmersdorfer Wohnung. Die junge Margarita Broich hatte einst eine Liaison mit Heiner Müller, als der Dramatiker noch ein Visum brauchte, um im Westen seine Stücke inszenieren zu dürfen. Müller, so etwas wie ihr „intellektuelles Lagerfeuer“, eröffnete ihr gänzlich neue Welten. Hunderte Fotos verwahrt sie nun von dem bekannten Mann mit der schwarzen Brille. Ausstellen wollte sie ihre jedoch nie, das hat Müllers spätere Partnerin, die Fotografin Brigitte Maria Mayer, nach seinem Tod längst getan. Hoffentlich öffnet Margarita Broich irgendwann doch noch ihre Schatulle, die Fotos möchte man wirklich gern sehen. Schließlich war auch Heiner Müller ein Mann der Zwischenzustände.

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