Berliner Zeitung

Veröffentlicht am 16. Mrz, 2011 in PRINT

Berliner-Zeitung

Nachglimmen im Niemandsland

Wenn der Vorhang fällt – Die Schauspielerin und Fotografin Margarita Broich zeigt ihre Kollegenportäts im Martin-Gropius-Bau

von Ulrich Seidler

Schauspieler seien schwierig mit der Kamera zu porträtieren. Das sagt eine, die es wissen muss, denn sie ist beides, sowohl Fotografin als auch Schauspielerin: Margarita Broich. Im Martin-Gropius-Bau sind 60 großformatige Fotografien von ihr zu sehen: Schauspielerporträts. Heute ist Vernissage.
Also, warum schwierig? Schauspieler hätten, erklärt Margarita Broich, diesen kaum zu bändigenden Darstellungstrieb. Wir sitzen in einer Bäckerei in ihrem Heimatkiez Wilmersdorf, wo sie mit dem Schauspieler Martin Wuttke, und den beiden gemeinsamen Söhnen wohnt. Sie rührt auf sehr einnehmende Weise in ihrem Tee, ein bisschen so, als führte sie gerade vor, was sie beschreibt. Es gibt allerdings einen Moment, in dem alle Eitelkeit und aller Ehrgeiz von den Schauspielern abfällt. Das ist der Moment nach dem Applaus oder nach der Schlussklappe. Diesen Moment des Nachglimmens, der wie so vieles im Theater magisch und profan zugleich ist, hat Margarita Broich für ihre wahren, schönen Menschenbilder genutzt.
Es sind Bilder aus dem Niemandsland zwischen Schein und Sein; die Porträtierten, soeben aus der Aufmerksamkeit des Publikums gesackt, spielen keine Figur mehr, sind aber auch noch nicht ganz bei sich angekommen. Manchem sieht man die Orientierungslosigkeit an, mancher genießt den Adrenalinüberschuss, mancher scheint zu trauern, mancher von postkoitalen Empfindungen durchpulst zu werden. Zum Beispiel: Klaus-Maria Brandauer, noch umflattert von
nassgeschwitzten Wallenstein-Locken, hockt vor einem Kleiderständer, in den Händen statt eines Schwertes eine Bierflasche – er ist gerade durch Peter Steins Zwölfstunden-Schiller galoppiert. Oder: Vor einem von Scheinwerferlicht durchglühten Blumenvorhang steht aufrecht und stolz Sophie Rois, der man die gerade über die Bühne gebrachte Pollesch-Vörstellung nicht ansieht, sondern eher ihr Missvergnügen darüber, dass schon wieder Feierabend sein soll und keiner mehr mit ihr spielen will. Oder: Voll klagloser Weisheit und Verlorenheit sinniert die heute 82-jährige Ruth Glöss im Hochzeitskleid, während das Neonlicht der Garderobe wie bei einem Vermeer hereinschimmert und eine eben einsetzende Rückblende in die Mädchenjahre auszulösen scheint. Alle Porträtierten blicken die Fotografin an. Es sind keine heimlichen Schnappschüsse, sondern bewusst geteilte Momente, die ein Schauspieler normalerweise allein verbringt. Margarita Broich kennt sie alle persönlich, mit den meisten hat sie gearbeitet, mit Ruth Glöss fünfzehn Jahre die Garderobe geteilt. Das ragt ins Familiäre und gestattet seltene Einblicke.
Margarita Broich wuchs in der kuscheligen, frommen Abgeschiedenheit des Westerwaldes auf. „Jeden Sonntag ging es in die Kirche. Ich habe heute noch erkennbare Lädierungen an den Beinen vom Niederknien.“ Sie sagt es mit durchaus bitterer Ironie. Sie ist heute noch erleichtert darüber, dass sie den Schritt in die Stadt geschafft hat: erst einmal nach Dortmund, wo sie Fotodesign studierte. Als sie „von einem netten Jungen“ sitzen gelassen wurde, war ihr auch diese Stadt und eigentlich auch die Fotografie verleidet. Sie wollte ans Theater und rief in Bochum bei Claus Peymann an, der zufälligerweise gerade einen Theaterfotografen suchte. Der Gedanke, selber mal im Licht zu stehen, ließ nicht lang auf sich warten. Sie lernte den Dramatiker Heiner Müller kennen, die beiden wurden ein Paar. Broich ging nach Berlin und studierte Schauspiel an der HdK, und wieder fühlte sie sich fehl am Platz. „Das war diese Psycho-Ära. Immer sollte man sich in die Gebärmutter versetzten, Briefe an die verstorbenen Eltern schreiben und ganz viel rumweinen.“Nach zwei Jahren Festanstellung in Frankfurt/Main, inzwischen war Margarita Broich mit Martin Wuttke zusammen, besetzte sie Heiner Müller für die Ophelia in seiner historischen Wende-Hamlet-Inszenierung am Deutschen Theater mit Ulrich Mühe in der Titelrolle. In dieser Arbeit scheint das Motiv der Fremd-und des Fehl-am-Platze-Seins zu kulminieren. „Ich fand das furchtbar, auf so einer Schleimspur über die Mauer zu hüpfen. Ich war zwar oft da, um Heiner zu besuchen, aber das Land war mir dennoch fremder als China. Das war psychologischer Horror.“ Genau dieses Missbehagen fand Müller für die Ophelia passend. Nach zehn Jahren Mitgliedschaft im Berliner Ensemble setzte sie sich 2002 selbst vor die Tür. Sie hatte in der ersten Inszenierung unter Peymann noch gespielt, dann war sie in den Baby-Pause gegangen. Als sie zurückkam, war ihr das Theater fremd. Man hielt sie für „bekloppt“, aber Margarita Broich klatscht heute noch in die Hände, wenn sie sagt: „Ich war frei.“ Es läuft gut. Sie ist an verschiedenen Theatern aufgetreten und dreht viel – was sie, anders als Wuttke, ein bisschen lieber mag als das Theaterspielen.
Frei- und Fremdsein sind wohl zwei Seiten einer Medaille. Es gehört Mut dazu, sich zu befreien und Fremdheit erst einmal zuzulassen. Schauspieler wechseln ja nicht nur ihre Figuren, sondern auch ihre Arbeitszusammenhänge. Jedesmal muss man sich selber hinterfragen und neu beweisen – weshalb der Schauspieler-Beruf von verschärfter sozialer Härte ist. Auch davon erzählen die Fotos.

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