Woman

Veröffentlicht am 19. Mrz, 2010 in PRINT

Wenn die Rolle abfällt

von Miriam Berger
MARGARITA BROICH. Sie steht genauso leidenschaftlich vor der Kamera, wie sie mit dieser arbeitet: Die Berliner Mimin und Fotokünstlerin stellt ihre Bilder derzeit in Salzburg aus. Das Porträt einer vielschichtigen Frau.

Andere mögen EIN Hobby zum Beruf machen, sie tut’s nicht unter zweien: Sowohl als Schauspielerin als auch als Fotografin werkt Margarita Broich (49) seit Jahren im Spitzenfeld. Was der Berlinerin nicht nur einiges an kreativer Energie abverlangt, sondern auch eine gewisse Reisefreudigkeit. So düste sie, knapp nachdem sie in Salzburg ihre Fotoausstellung „Ende der Vorstellung“ eröffnet hatte (Museum der Moderne, bis 1. November), weiter zum Filmfestival von Locarno in die Schweiz, wo ihr neuer Kinofilm „Unter Bauern“ (Start voraussichtlich im Oktober) vorgestellt wurde.

Augenblick des Ausatmens. Ihre Arbeit vor und mit der Kamera hat sie in der Salzburger Schau genial verbunden. Zeigen die Bilder doch Schauspielerkollegen just in dem Moment, in dem der Applaus verebbt ist, die Lichter angehen, die eben noch gegebene Rolle abfällt. „Mit den meisten, die ich fotografiert habe, habe ich auch gespielt“, sagt Margarita Broich, „und manchmal war ich selbst noch im Kostüm, als die Bilder gemacht wurden.“ Bei einem wildfremden Menschen an die Garderobentür zu klopfen in diesem speziellen Augenblick des Ausatmens, das wäre für sie „doch ein bisschen komisch“ gewesen. Christiane Hörbiger, Peter Simonischek, Klaus Maria Brandauer, Martina Gedeck, Sophie Rois, Kate Winslet und Veronica Ferres sind nur einige der Hochkaräter, die der Fotokünstlerin „in diesem Moment von gleichzeitiger Erregung und Erschöpfung“ in die Linse blickten. „Sie sind schön anzuschauen“, findet diese, „dadurch, dass sie gerade so gut durchblutet und gleichzeitig so entspannt sind.“

Ein Stück Kindheit. Alles andere als entspannt war Margarita Broichs Verhältnis zur Schauspielerei in den eigenen Anfangszeiten. „Da hab ich alles persönlich genommen und mich manchmal unglaublich verstrickt. Wenn etwas nicht geklappt hat, hab ich sofort an mir selber gezweifelt“, erinnert sie sich. Ängste, die bei ihrer zweiten Leidenschaft wegfielen: Ein Foto legt man auf den Tisch, und wenn einer sagt. das ist nicht gut, schiebt man es weit von sich weg, nimmt das nächste. „Beim Fotografieren muss man auch nicht warten, bis man angerufen und besetzt wird. Da bin ich mein eigener Chef“ Allerdings sei die Schauspielerei wiederum der einzige Beruf, „wo man so ein Stück Kindheit mit in die Tasche stecken kann“. Sich verkleiden und in verschiedene Rollen schlüpfen. Nach der Matura mit 18 hatte sie noch nicht den Mut, die Schauspielerei ernsthaft anzugehen, studierte zunächst Fotodesign in Dortmund. Dass sie dann ausgerechnet als Theaterfotografin einen Job bekam, bei Claus Peymann in Bochum seinerzeit, mag man Zufall nennen. „Letztlich haben mich die Vorgänge auf der Bühne aber doch mehr interessiert als meine einsamen Abende in der Dunkelkammer.“ Trotz ihrer Angst, an der Berliner Schauspielschule nicht genommen zu werden, war sie eine der wenigen Auserwählten, und mit ihrer Bühnen- und Filmkarriere ging es von da an stetig bergauf. Medizin zu studieren, das wäre für die Berlinerin übrigens auch noch eine Option gewesen. Die Eltern waren Ärzte. „Aber ich kann kein Blut sehen ..,“ Der Vater lebte neben seinem Job als Lungenfacharzt seine künstlerische Ader als Zauberer aus. Und er fotografierte leidenschaftlich gern. „Ich glaub, es gab kaum je eine Familie, die so gut dokumentiert wurde wie unsere.“

Die Zeit verrinnt … Den richtigen Blick fürs perfekte Bild hat auch Hans, der 17-jährige Sohn der Künstlerin, geerbt. Bruder Franz, 8, hingegen „sieht einfach nicht, ob die Füße drauf sind oder nicht“. Die beiden Jungs sind Broichs gemeinsame Kinder mit Schauspieler Martin Wuttke, 47, ihrem Lebensgefährten. Im Familiendomizil residiert auch noch Paul, 23, aus Wuttkes früherer Beziehung, und wenn mal Enkelkinder dazukämen, wäre es auch fein. Daran, dass die Zeit immer schneller vergeht, könne man „sowieso nichts ändern“. Fotos sind es ja auch. die einem die Vergänglichkeit besonders drastisch vor Augen führen können: ein eingefangener Moment – in der nächsten Sekunde unwiederbringlich vorbei. Und wie vorbei erst nach Stunden, Tagen, Monaten, Jahren … „Tja“, seufzt Broich. „wenn ich mir Fotos von vor fünf Jahren anschaue, da hätte ich genauso Ende zwanzig sein können wie Mitte vierzig. Jetzt befinde ich mich in einem Übergang. der für eine Frau ein bisschen schmerzhaft ist. Irgendwann, wenn man seine Falten dann hat, ist es sicher auch wieder gut. Die Alternative wäre, dass man früh stirbt.“

„Bin abergläubisch.“ Da möchte sie lieber noch ein Weilchen auf der Erde bleiben und darum bitten, dass möglichst alles in gewohnten Bahnen bleibt. „Klar hab ich meine lustigen Jahre gehabt und nichts anbrennen lassen“, meint sie, „aber eigentlich bin ich einfach so eine Treue.“ Gern hat sie es, wenn es turbulent zugeht und Dinge sich bewegen, aber wirkliche Veränderungen sind ihr als Stier ein Graus. „Und wenn man mir was Gutes zu essen gibt, muss man mich auch gar nicht einzäunen.“ Schlechtes am Teller macht sie hingegen wahnsinnig. Umso besser, dass sowohl ihr Lebensgefährte als auch ihr Sohn Hans „hervorragend kochen können“. Mit Martin Wuttke, den sie als außerordentlich klug, belesen und „dem Rampenlicht nur so viel zugetan, als es eine Rolle verlangt“ bezeichnet, lebt sie seit 19 Jahren in „wilder Ehe“. Den richtigen Zeitpunkt, sich auch vor dem Gesetz zu bekennen, hätten sie wohl versäumt. Da soll man auch nichts mehr ändern, da bin ich abergläubisch.“ Und festbinden könne man sowieso keinen, ob man unterschrieben hat oder nicht. Und ob mit oder ohne (Beweis-) Foto …

www.woman.at