Goethe Institut

Veröffentlicht am 1. Apr, 2011 in WEB

Meet the germans

Margarita Broich im Interview
mit Rory MacLean

Übersetzt von Susanne Mattern

Rory MacLean meets Margarita Broich

Schauspieler haben die Aufgabe, eine andere Person zu werden, sich in eine Rolle zu verwandeln. In Die Geliebte des französischen Leutnants hat eine Affäre zwischen zwei modernen Schauspielern – Meryl Streep und Jeremy Irons – eine Parallele in den viktorianischen Rollen, die sie spielen. In einem Moment größter cineastischer Offenbarung beginnen Streep und Irons mit der Probe für eine Szene. Ihr erster Durchlauf ist hölzern und nicht überzeugend.

„Machen wir es einfach nochmal,“ sagt Streep, von ihrer eigenen Leistung frustriert. Sie und Irons werfen einen Blick in ihre Skripts, sammeln sich, und vor unserem Augen verwandeln sie sich in ihre Rollen. Es werden keine Special Effects eingesetzt. Die Musik wird nicht lauter. Kein Weichzeichner legt sich über die Linse. Es ist allein ihre Schauspielkunst, die sie zusammen mit ihrem Publikum aus sich selbst heraus und in eine andere Welt hinein transportiert.

Dieser Moment der Verwandlung in eine Rolle fasziniert mich schon seit langem. Nie aber habe ich an die Kehrseite gedacht – die Rückverwandlung des Schauspielers von der Bühnenpräsenz zum gewöhnlichen Sterblichen – bis ich Margarita Broichs beeindruckende Portraits ihrer Schauspielkollegen sah.

„Es ist ein seltsamer, einsamer, besonderer Moment“, erzählt sie mir während einer Pause beim Hängen ihrer Bilder für die Ausstellung Wenn der Vorhang fällt. „Die Schauspieler gehen erschöpft von der Bühne oder vom Set, aber ihre Körper sind noch gut durchblutet, sie dampfen noch. Sie atmen aus und die Kulissen, das Kostüm und das Make-up, die noch einen Augenblick zuvor zu ihnen und ihrer Rolle gehörten, werden zu reinen Äußerlichkeiten. Aber die Rolle ist ihnen noch in die Augen und ins Gesicht geschrieben. Diesen Moment zwischen Vorhangfall und Garderobe will ich mit meiner Kamera einfangen“.

Im deutschen Schauspiel gehört Broich zu den Großen, doch bevor sie auf die Bühne ging, hatte sie eine Ausbildung als Fotografin gemacht. Zuhause in Neuwied waren ihr Vater wie auch ihr älterer Bruder passionierte Hobbyfotografen, und Broich erbte diese Leidenschaft. Mit dreizehn hatte sie eine eigene Dunkelkammer. Sie beschloss, an der Fachhochschule Dortmund Fotografie zu studieren und wurde im Alter von 21 Jahren offizielle Fotografin am Bochumer Schauspielhaus. 1983 verlegte sie sich dann auf ein Schauspielstudium in Berlin.

„Ich habe nie einen Beruf dem anderen vorgezogen“, erzählt sie mir, ihr blondes Haar wild verstrubbelt. „Aber an dem Tag, als ich nach

Berlin zog, wurde meine ganze Ausrüstung – vier Nikons, zwei Leicas und 12 Linsen – gestohlen. Ich war so geschockt, dass ich jahrelang keine Kamera mehr anrührte“.

In den nächsten zwei Jahrzehnten konzentrierte sich Broich auf ihre Schauspielkarriere und spielte Dutzende von Rollen am Deutschen Theater und am Schillertheater, wurde Mitglied des Berliner Ensembles und spielte neben Kate Winslet in Der Vorleser mit.

Dann sah sie eines Abends im Jahr 2001 nach einer Vorstellung von Christoph Schlingensiefs Rosebud ihr Spiegelbild in der Garderobe. „In meiner Rolle war ich bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und im Spiegel sah ich mich mit Theaterblut verschmiert, ein schrecklicher und doch irgendwie realer und schöner Anblick. Am nächsten Abend brachte ich meine Kamera mit und nahm ein Selbstportrait auf“.

Während der Spielzeit des Stücks und bei späteren Auftritten begann Broich, ihre Schauspielkollegen zu fotografieren und zu versuchen, diesen „komischen Zwischenzustand“ am Ende einer Vorstellung einzufangen.

„Ich konnte nur Freunde und Kollegen fotografieren, die ich kannte und respektierte. Ich konnte keine Bilder von Fremden machen. Dafür bin ich viel zu schüchtern“, lacht sie mit funkelnden grünen Augen.

An diesem Punkt, nach Jahren auf der Bühne, war sie dabei, ihre Liebe zum Theater zum verlieren. Aber durch ihre Portraits und genaue Beobachtung der Schauspielkunst kehrte ihre Liebe zum Beruf zurück. „Ich sah die altgriechischen Wurzeln des Theaters – die Verbindung zwischen den Sterblichen und den Göttern“, erklärt sie.

„Ich habe höchstens zehn Minuten Zeit für eine Fotografie. Wenn Schauspieler von der Bühne kommen und die Rolle von ihnen abfällt, möchten sie sich entspannen, duschen, ein Bier trinken. Also arbeite ich schnell, mit natürlichem Licht und ohne Assistenz. Jeder Schauspieler weiß instinktiv, auf was ich hinauswill. Kate Winslet sah das, sowie ich ihr meine Bilder zeigte“.

Broichs Berliner Schau Wenn der Vorhang fällt am Martin-Gropius-Bau zeigt bis Ende Mai 60 ihrer fesselndsten und eindringlichsten Portraits, unter anderem von Klaus Maria Brandauer, John Malkovich, Kate Winslet, Clemens Schick und ihrem Ehemann Martin Wuttke. Ein Katalog der Ausstellung ist über den Alexander Verlag Berlin zu beziehen. Gleichzeitig verkauft das Contributed Studio for the Arts Drucke. Außerdem sind in diesem Monat fünf ihrer größten Portraits im Hamburger Haus der Photographie ausgestellt.

„Ich sehe die Welt hinter dem Vorhang nicht als exotischen Ort, weil ich selbst dazugehöre. Das

Theater ist meine Heimat… oder wenigstens meine zweite Heimat“. Dann fügt sie hinzu: „Für mich macht es Sinn, dass diese beiden Sphären – das Schauspielen und die Fotografie – zusammengekommen sind“.

Mit diesem Worten und mit klingelndem iPhone macht sich Margarita Broich bereit für die Rückkehr in die Galerie. „Wissen Sie, für alle Schauspieler ist es Realität, dass das Telefon ein oder zwei Wochen lang mal nicht klingelt“, sagt sie. „Aber dann können die Tage plötzlich wieder so hektisch werden. So ist das Leben, und so mag ich das“.

An actor’s job is to become another person, to transform him or herself into a character. In The French Lieutenant’s Woman, an affair between two modern actors – Meryl Streep and Jeremy Irons – is paralleled in the Victorian characters who they are playing. In one of cinema’s most revealing moments, Streep and Irons start to rehearse a scene. Their first run- through is clumsy and unconvincing.

‘Let’s just do it again,’ says Streep, frustrated by her performance. She and Irons glance at their scripts, compose themselves and then, before our eyes, they become their characters. No special effects are used. The music doesn’t swell. No soft-focus filter is slipped over the lens. Their artistry alone takes them – along with their audience – out of themselves and into a different world.

That moment of transformation into character has long fascinated me. But I’d never considered its flip side, the performer’s conversion from exemplar back to the mere mortal, until I saw Margarita Broich’s remarkable portraits of her fellow actors.

‘It is a strange, lonely, special moment,’ she told me during a break from hanging her exhibition When the Curtain Falls (Wenn der Vorhang Fällt). ‘The actor comes off stage, or off the set, and he or she is exhausted but their body is still full of blood, full of steam. They exhale and the props, the costume, the make-up which only a moment before had been theirs – and their character’s – become extraneous trappings. Yet the role is still in their eyes, in the face. It’s that moment between curtain fall and dressing room which I want to capture with my camera.’

Broich is one of Germany’s major actresses but before stepping onto the stage she trained as a photographer. At home in Neuwied both her father and elder brother were avid amateur snappers and Broich inherited their passion. At thirteen she had her own darkroom. She chose to study photography at the Fachhochschule Dortmund and, aged 21, became official photographer of Bochum’s Schauspielhaus. Then in 1983 she switched to drama school in Berlin.

‘I never chose one profession above the other,’ she told me, hair blonde hair wild and tangled. ‘But on the day I moved to Berlin, all my equipment – four Nikons, two Leicas and 12 lenses – was stolen. I was so shocked that I didn’t pick up a camera again for years.’

For the next two decades Broich focused on her acting career: performing dozens of roles at the Deutsches Theatre and the Schiller

Theatre, joining the Berliner Ensemble, starring alongside Kate Winslet in The Reader.

Then one evening in 2001 at the end of a performance of Christoph Schlingensief’s Rosebud she caught her reflection in the dressing room mirror. ‘My character had been killed in a car accident and, in the mirror, I saw myself covered in stage blood, looking terrible yet real and beautiful in a way. The next evening I brought a camera and took my self-portrait.’

During the play’s run, and in her subsequent appearances, Broich began to photograph her fellow actors, trying to hold on to ‘that strange state’ at the end of a performance.

‘I could only photograph friends or colleagues who I knew and respected. I couldn’t take a picture of a stranger. I’m much too shy,’ she said with a laugh, her green eyes shining.

At that point – after years of treading the boards – she had begun to lose her love of the theatre. But her portraits – and close observation of the art of performance – restored her love for the profession. ‘I saw theatre’s ancient Greek roots – the link between mortals and the gods,’ she explained.

‘At the most I have ten minutes to take a photograph. When the actor or actress comes off the stage, and drop their role, they want to relax, to take a shower, to drink a beer. So I work quickly, with natural light, without an assistant. Every actor understands instinctively what I am trying to do. Kate Winslet saw it as soon as I showed her my pictures.’

Broich’s Berlin show, When the Curtain Falls, displaying 60 of her most arresting and powerful portraits including those of Klaus Maria Brandauer, John Malkovich, Kate Winslet, Clemens Schick and her husband Martin Wuttke, is at the Martin-Gropius-Bau until the end of May. A catalogue of the exhibition is available from Alexander Verlag Berlin. At the same time the Contributed Studio for the Arts is offering prints for sale. This month also five of her largest portraits are on show at Hamburg’s Haus der Photographie.

‘I don’t see the world behind the curtain as an exotic place because I am a part of it. The theatre is my home…or at least my second home.’ Then she added, ‘For me it makes sense that these two circles – acting and photography – have come together.’

With those words, and with her iPhone ringing, Margarita Broich gathered herself to return to the gallery. ‘You know, the reality for almost all us actors and actresses is that the phone may not ring for a week or two,’ she said. ‘But then suddenly the days can get so busy. This is what life is, and I like it.’


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