Hamburger Abendblatt 2

Veröffentlicht am 11. Mrz, 2011 in PRINT
Hamburger Abendblatt

Darum ist ein Mann ein Mann

Eine Fotoausstellung in den Deichtorhallen zeigt „Traummänner“ in 150 Variationen und für so ziemlich jeden Geschmack.

von Joachim Mischke

Einen schönen Mann kann nichts entstellen. Weder die antrainierte Gurkenreibe aus Bauchmuskeln, mit der Unterhosenmodels ihr Geld verdienen, noch die verheerend hässlichen Tennissocken, mit denen der vom Ruhm gegerbte Robert Mitchum seine lakonische Gelassenheit zur Schau stellte. Ein schöner Mann ruht in sich und lässt alle anderen zappeln. Ein durch und durch schöner Mann weiß, wie er wirkt, kalkuliert aber nicht ständig damit. Doch befördert ihn das schon vom kurzfristigen Durchschnitts- zum zeitlosen Traummann?

Es geht in dieser Ausstellung um die Ästhetik des vor allem schönen Scheins
Drei Jahre nach ihrer erfolgreichen „Traumfrauen“-Ausstellung bietet das Haus der Photographie in den Deichtorhallen nun die maskuline Variante an. Endgültige Antworten auf diese und andere Fragen gibt sie nicht. Dafür aber eine Menge sehr appetitlicher Vorschläge als Zustandsbericht unserer bildsüchtigen Gesellschaft, gut beleuchtet und oft im Larger-than-life-Großformat. 150 Bilder von 50 handverlesenen Fotografinnen und Fotografen aus aller Welt (darunter auch der Hamburger Thomas Leidig, der Prominente für die Interviews im Abendblatt-„magazin“ fotografiert) thematisieren, was
bei Betrachtern beiderlei Geschlechts für heftig beschleunigten Pulsschlag sorgen kann. Natürlich tänzelt diese Popkultur-Ausstellung mit ihrer Asthetik des vor allem schönen Scheins lasziv auf dem hell erleuchteten Boulevard medial gezüchteter Eitelkeiten herum. Als gäbe es kein Morgen, aber immer neue Starlets, in die sich die Linse verlieben kann. Etliche Fotos könnten so oder ganz ähnlich auch für Schweizer Chronometer werben, für italienische Anzüge, schottische Hochpreis- Spirituosen oder kalifornische Skatermode. Ein Logo nur, ein klitzekleiner Schriftzug am Bildrand, und, voilà, fertig wäre die Anzeige. Dass nicht ein einziges Bild als kommerzielle Auftragsarbeit entstand, sondern alle als künstlerische Aussage, macht die Sache mit der inszenierten Oberfläche und dem individuellen Darunter nur noch komplexer. Das Bild von einem Mann wird immer mehr davon bestimmt, welches Bild er von außen, durch die Werbung und andere Lifestyle-Katechismen, verordnet bekommt. Doch bei aller Stromlinienformung – es gibt auch schmerzhaft harte Kontraste, mit denen diese geschickt gehängte Ausstellung aufwartet. Szenige Mode-Schnuckis im Teenager-Alter schmollen nur wenige Meter entfernt vom Jazz-Trompeter Chet Baker. In dessen von Drogensucht zermürbtem Gesicht eines gefallenen Engels, das Bruce Weber 1987 zu fotografieren wagte, ist mehr Blues-Leid zu hören, als ein Mensch ertragen kann, ohne leise daran zu zerbrechen. Die Qual der Auswahl muss für die beiden Kuratoren Ingo Taubhorn und Nadine Barth groß gewesen sein. So viele Manns-Bilder, zu wenig Platz. Das Bild von einem Mann wird immer mehr davon bestimmt, welches Bild er von außen
verordnet bekommt. Frauen schätzen ganz besonders Humor an Männern, heißt es immer wieder. Damit – oder gar mit souverä- ner Selbstironie – haben es die Motive hier eher nicht. Obwohl, es gibt auch Ausnahmen. Der unkaputtbare Stones- Leguan Keith Richards ließ sich an einem Salon-Flügel ablichten, barfuß und mit einem Porträt vom Kollegen Charlie Watts auf der Notenablage. Mark Selígers Porträt von John Malkovich überhöht seinen Ruf als Sonderling, denn
hier hat er nicht nur einen Vogel, sondern gleich ganz viele Tauben dabei. Der schwedische Frauenschwarm Mikael Persbrandt, hier nur als dröger Sidekick der „Kommissar Beck“-Verfilmungen im ZDF bekannt, macht sich allerliebst zum interessant tätowierten Affen. Und Al Pacino, von Marc Hom in Venedig geblitzt, sieht aus, als ob er direkt auf dem Weg zu einem Mafioso-Casting wäre. Tom Cruise wäre nicht Tom Cruise, wenn er nicht so demonstrativ wie spaßbefreit seine brachiale Fitness raushängen lassen würde. Frauen sind als dekoratives Schmuckelement selbst bei den Machos dieser Prachtstück-Parade kaum vorhanden. Konzeptioneller Weißraum genug also für das Publikum, sich einige Augenblicke lang ohne Konkurrenz an die Seite seines Objekts der wie auch immer gearteten Begierde zu träumen. Wie individuell und austauschbar die Vorlieben und Geschmäcker beim Vergöttern von Männlichkeiten sind, zeigte ein kleiner Schönheitsfehler, der den Ausstellungsmachern in der letzten Hektik passiert sein mag: Die Namensschilder zweier Schauspieler-Porträts von Margarita Broich, die den Moment nach dem Schlussvorhang festhielten, waren gestem Vormittag vertauscht. Wo Peter Franke sein sollte, war Sebastian Koch zu sehen. Ein Mann ist doch wie der andere, könnte das mit zynischem Unterton signalisieren, schließlich war gerade erst Frauentag, und da wären noch einige alte Rechnungen offen. Es weist aber auch darauf hin, dass große Namen am Ende nur Schall und Rauch sind, wenn das Charisma schwächelt. Man muss nicht so weltberühmt sein wie Ben Kingsley, um selbst in sonderbaren Posen für ansehenswert gehalten zu werden. Doch es hilft. Ein Abschnitt wurde für Traummänner des Publikums freigelassen. Direkt am Eingang des Ausstellungsraums haben die Ausstellungsmacher als ironisches Aperçu zur Fassadenverliebtheit dieser Präsentation einen Wandabschnitt frei gelassen. Dort können Besucherinnen und Besucher Bilder ihres persönlichen Traummanns der Offentlichkeit zur Begutachtung platzieren. Je nach physischer Beschaffenheit der Porträtierten kann sich dieser Fläche im Laufe der nächsten Wochen zum Scheinheiligenschrein entwickeln. Oder aber zur Klagemauer.

Ausstellung: „Traummänner – 50 Starfotografen
zeigen ihre Vision vom ideal“.
1.3. bis 22.5.2011 Haus der Photographie Deichtorhallen

www.abendblatt.de