Junge Welt

Veröffentlicht am 12. Mrz, 2011 in PRINT
Junge Welt

Keiner hätte was zu der Kiwi gesagt

Über Ophelia und absichtsloses Rumsitzen

Interview Alexander Reich

Sie haben jahrelang Schauspielkollegen kurz nach Auftritten fotografiert. 60 Fotos hängen jetzt im Martin-Gropius-Bau in Berlin. Kann man dort etwas darüber lernen, wie Theater gemacht wird?

Mir ist zum Beispiel aufgefallen, daß gute Schauspieler vor der Vorstellung alle Schwerter, falschen Nasen und Toupets an sich ranziehen, als hätten sie nie was anderes getragen. Und nach der Vorstellung hängt das alles so’n bißchen schwachsinnig an denen runter, wie Pappmache. Was den Zustand dieser Leute angeht: Man hatte für Schauspieler wohl tatsächlich mal einen Irrenparagraphen für die Stunde nach der Vorstellung. Wenn man seine Frau innerhalb dieser Stunde umbrachte, war es nicht so schlimm.

Die meisten Porträtierten wirken zu erschöpft für Mord. Josef Ostendorf ist in seinem Hamlet-Kostüm mehr ein blasser Spuk.

Ein großartiger Schauspieler, eines meiner Lieblingsbilder. Leider ist es nicht in der Ausstellung.

Aber im Katalog?

Ja, auf einer Doppelseite.

Wie ist er auf diesen Stuhl im Hamburger Thalia gekommen?

Ich glaube, er sitzt da immer beim Applaus, keine Ahnung. Normalerweise sitzt hier der Inspizient an einem Cockpit-ähnlichen Pult und fährt die Vorstellung. Die Bretter links unten, das ist die Bühne, die ein Stück in den Zuschauerraum gebaut ist. Hier am rechten Rand des Bühnenausschnitts würde der Vorhang fallen. Viele Aufführungen haben keinen mehr. Das ist ja so ein bißchen neumodisches Zeug. Links hinter Josef Ostendorf könnte ein Loch für die Souffleuse sein. Mit Gittern. Wie bei der Beichte. Meist sitzen die Souffleusen da wie Pastoren, die sich unsere Sünden anhören.

Hat dieser »Hamlet« von 2010 etwas mit Heiner Müllers »Hamlet« von 1989/90 gemeinsam, bei dem Sie Ophelia waren?

Ich fand die Schauspieler in Hamburg großartig, aber man mußte im Stoff stehen, sonst waren die Abkürzungen kaum nachvollziehbar. England kam sehr kurz, für die Schauspielerszene gab es keine extra Darsteller. Das war bei Heiner Müller anders. Der hatte ewig Zeit: Wenn dich das nicht interessiert, dann geh doch raus! Er hat sich auch nicht als Regisseur begriffen, sondern als fröhlichen Dilettanten. Er nannte das, glaube ich, Beschäftigung: Ich beschäftige mich mit… Das hatte etwas wunderbar Amateurhaftes. Der normale Publikumsgeschmack war dabei völlig uninteressant. Da wurde nichts ausgedünnt, nichts gestrichen, im Gegenteil: Was schiefging, war ihm besonders lieb und wurde beibehalten. So ist die Inszenierung angewachsen auf diese acht Stunden. Und ich kam mir so fehl am Platz vor wie sonst noch nie in meinem Leben.

Weil Sie aus dem Westen waren?

Ich war jung, kam aus dem Westen, kannte keinen, und Heiner Müller sagte immer: Die muß fremd sein. Was man in dem Film von Christoph Rüter, der die Proben begleitet hat, gut sieht, war das kolossale Reinklatschen der Realität. Normalerweise sind Theatermauern dick. Da kann die Welt sich die Koppe einhauen, und man spielt Thomas Bernhard und denkt, das ist jetzt total wichtig. Aber bei diesen Proben reisten am Anfang Leute aus. Ein Beleuchter, der morgens fehlte, war über Budapest oder so … Man fing an, sich zu engagieren,-Auf-den Alexanderplatz zu gehen. Es gab so was Ernsthaftes. Und so was Gefährliches Und alles stand zwischen den Zeilen zwischen den Sätzen. Ich hab das über haupt nicht kapiert, sondern immer nur die Sätze gelesen, als westdeutsche Maus sozusagen. Also ich hab das als Totalstreß in Erinnerung. Zum Beispiel, total peinlich: Ich hatte einmal irgendeine Südseefrucht in der Tasche ’ne Kiwi oder so, und sehe mich auf der Toilette eingeschlossen diese Kiwi essen, weil ich mich geschämt hab die auszupacken. Das beschreibt ein bißchen, wie unfähig ich war, mit der Situation umzugehen – kein Mensch hätte irgendwas zu der Kiwi gesagt.

Ophelia ist keine dankbare Rolle.

Sie ist sehr überladen, allein diese ganze Folklore von der schönen Leiche, aber kommt eigentlich gar nicht richtig vor: Ich hab‘ noch Andenken von Euch/Die mich schon lang verlangt zurückzugeben, böböbö, böböbo …

Und gleich danach wird sie wahnsinnig.

Genau. Es wird unglaublich viel projiziert auf diese Figur, und beim Spielen hat man das Gefühl, so eine Projektionsfläche kann man gar nicht liefern.

Fotograf ist der bessere Beruf?

Ich finde es auf einmal gar nicht mehr so schlimm, an einem gutfunktionierenden Haus zu spielen, da ist man doch relativ unabhängig. Was ich gelernt habe über Ausstellungen und überhaupt so Kunstszene-Sachen, das finde ich viel anstrengender. Da muß man vielleicht doch mit irgendwelchen Leuten, die Geld haben, essen gehen – der Metzger um die Ecke kauft eben kein Bild von mir. Das ist bizarr und kompliziert. Da ist ein gutsubventioniertes Stadttheater eine wohlige, klare Angelegenheit.

Andererseits, was mir am Anfang als Schauspieler schwergefallen und auch wirklich blöd ist: Man spricht immer über dich, zeigt mit dem Finger auf dich. Das machst du nicht gut, das mußt du anders spielen. Da bin ich das Instrument. Es dauert ewig, bis man das auseinanderdividieren kann: Das ist nicht persönlich gemeint, sondern man spricht tatsächlich über etwas.

Als Fotograf ist das einfach. Wenn Sie sagen, das ist nicht gut gebaut, denke ich: Okay, vielleicht hätte das alles ein bißchen weiter rechts sein müssen – das trifft nicht so unmittelbar die Seele.

Etwas gruslig ist das Foto von Christiane Hörbiger. Man denkt zuerst vielleicht an die Büste oder Totenmaske eines Staatsmannes. Dieser Kopf wird jedenfalls gerade aufgeschnitten, und was kommt da alienmäßig heraus, wenn nicht Christiane Hörbiger-Fernsehen?

Da kommt das ZDF aus dem Kopf? Wie er geöffnet wird, erinnert doch eher an eine Gehirnoperation. Sie guckt sehr klar und kommentiert das null.

Mich beeindruckt das Foto von Bernhard Schütz. Er hat das ganze Elend des Gegenwartstheaters erlebt, und dann die Theateraufführung eines Tagebuchs aus dem Nachlaß von Rolf Dieter Brinkmann auf Schloss Neuhardenberg! Er stellt die alles entscheidende Frage: Was ist hier los?

Sind das die Augen, die das fragen?

Zumindest fragt er sich: Bin ich im Jahr 2007?

Im Gegensatz zu Schauspielerfotos, die sonst so gemacht werden, will er jedenfalls keine Rolle. Die hat er hinter sich gebracht. Er ist ohne Ehrgeiz. Ohne Absicht sitzt er da so rum.

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