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Veröffentlicht am 6. Apr, 2011 in WEB

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Im Zwischenreich

von Andreas Montag

BERLIN/MZ. Der Vorhang zu – und die Gesichter der Schauspieler sind auf so besondere Weise offen, wie unsereins sie sonst nicht zu sehen bekommt. Von einem „Zwischenreich“ schreibt Hanns Zischler im Katalogbuch zu der großartigen Ausstellung „Wenn der Vorhang fällt“ im Berliner Martin-Gropius-Bau. Sie zeigt Bilder der Schauspielerin Margarita Broich, die ihre Kolleginnen und Kollegen nach der Vorstellung fotografiert hat.

Zu einem Zeitpunkt also, da die Anspannung bei der Bühnenarbeit allenfalls äußerlich abgeklungen sein kann, körperliche und seelische Erschöpfung sich allmählich ausbreiten wird, die Zeit für eine kurze Weile einfach stehenbleibt.

Zwischenreich ist wohl ein sehr treffendes Wort. Der Beifall ist verklungen, das Publikum hat sich angeregt (oder auch aufgeregt) in alle Winde zerstreut. Der eine oder andere Fan wird vor dem Bühneneingang oder an der Theaterkantine auf seinen Star warten, einen Glückwunsch loswerden wollen oder nur einen Blick ergattern.

Es dauert oft Stunden, hat Martin Wuttke einmal erzählt, bis er wieder „runterkommt“ nach einer Vorstellung. Da saßen wir auf dem Hof hinter dem Berliner Ensemble. Wuttke sah todmüde und hellwach zugleich aus, er hatte sich nach einer Stunde noch immer nicht ganz aus dem Spiel gelöst und begann erst allmählich, so schien es, in der wirklichen Welt anzukommen.

Was aber Margarita Broich festgehalten hat, ist so intim und deshalb auch kostbar, dass man sich gar nicht losreißen mag von einigen ihrer Bilder. Zuerst muss man Broichs Selbstporträt nennen: Gezeichnet von der Anstrengung und beschmiert mit Theaterblut steht sie als Modell vor ihrer eigenen Kamera, der Blick ist klar und fest auf etwas gerichtet, das der Betrachter nur ahnen kann.

Natürlich sind diese Künstlerporträts nicht einfach Momentaufnahmen, sondern zugleich Inszenierungen der Abgebildeten. Schauspieler spielen sich selbst, aber eben in einer besonderen, fragilen Situation, die es ihnen bei aller Meisterschaft doch nicht erlaubt, sich in eine Rolle zu flüchten. Ben Becker nach dem „Jedermann“ sieht wohl so dämonisch aus, wie er sich selber gern wahrgenommen sehen mag – aber er wirkt auch ausgepumpt. Als sei es ihm unmöglich, sich jetzt von dem Stuhl zu erheben, auf dem er fast liegt.

Völlig abwesend, schön wie eine kunstvoll geformte Puppe mit ihrem nachgebildeten Gesicht, sitzt Kate Winslet auf einem Garderobenstuhl. Otto Sander steht gebeugt, den Kopf noch schräg nach vorn geneigt, als lausche er den letzten Worten auf der Bühne nach. Und Martin Wuttke, gleich mehrfach in der Schau vertreten, verharrt nach

„Gretchens Faust“ entrückt am Tisch, vor sich einen schwarzen Pudel, auf dem Kopf noch die blonde Perücke, mit der Wuttke wie Warhol aussieht.

Man soll sich nicht täuschen lassen: So schutzlos offen, so berückend nah einem die Künstler auf diesen Bildern begegnen, so fern werden sie doch bleiben. Die Magie zwischen Bühne und Zuschauerraum wird nicht aufgehoben in trivialer oder gieriger Nähe. Man kann diese Distanz auch als Schutzraum für die Akteure begreifen, die mehr als jeder andere von sich hergeben für die Kunst und doch bei sich bleiben müssen, um nicht das Geheimnis zu verlieren. Sieht man Dietmar Bär, den Gemütsmenschen, als der er uns stets erscheint, bärbeißig aus der Zinkbadewanne blicken, in der er nackt und massig sitzt, ist dies auch eine Bitte um Respekt.

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