Brigitte Landes

geboren in Frankfurt am Main, lebt in Hamburg. Sie arbeitet freiberuflich als Dramaturgin, Regisseurin und Autorin. Sie gab die Reihe "Bibliothek der Lebenskunst" im Suhrkamp und Inselverlag heraus, wo 2009 ihr Buch "Leben - Ein Lesebuch" erschien. Im Schauspielhaus Hamburg findet ihr "Literarischer Salon Lebenskunst" statt.
Der Text ist entnommen dem Katalog zur Ausstellung in Salzburg - Rupertinum:
25. Juli bis 4. Oktober 2009. Erschienen 2009 im Verlag Müry Salzmann

www.muerysalzmann.at

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Ende der Vorstellung

von Brigitte Landes

Die Vorstellung ist zu Ende. Der Applaus ist verebbt, das Licht im Zuschauerraum ist hell, das Licht auf der Bühne erloschen, die Zuschauer streben dem Theaterausgang zu, die Schauspieler ihren Garderoben. Was für eine Arbeit, diese tägliche Arbeit, für die es zum Abschluss Applaus gibt, für die man sich verbeugen darf. Sie verneigen sich einmal, sie verneigen sich zweimal, dreimal, selbst nach der anstrengendsten Rolle verfliegt die Anstrengung aus den Gesichtern, irgendwann beginnen sie zu lächeln oder greifen sich gar ans Herz, nehmen den Lohn dankbar entgegen. Und wie unterschiedlich sie den Applaus entgegennehmen – das allein wäre eine Geschichte für sich. Dann ist es aus und vorbei. Für heute. Ausgespielt. Die Zwischenzeit beginnt. Die Zeit der Rituale. Jeder Schauspieler hat sein eigenes Ritual. Die Mitarbeiter des Theaters, die Masken- bildnerinnen und Maskenbildner, die Garderobieren und Garderober sind die stillen geübten diskreten Diener und Hüter der Verwandlung. Die Masken werden abgenommen, es wird abgeschminkt, die Kostüme ausgezogen, die Rolle in einer der für sie vorgesehenen Hirnkammern eingeschlossen, der Schlüssel dazu im nur dem Spieler allein zugänglichen Geheimfach verwahrt. Während dieses Übergangs sind sie allein. Mit sich. Ob noch außer sich, bei sich, in sich bleibt ebenso ihr Geheimnis.

Mag sein, dass in dieser Verwandlung und dieser Zwischenzeit die Momente der Priesterschaft schlummern, die den Ursprung dieses Berufs bewahren. Mag sein, dass sich genau hier, in den „toten“ Winkeln und Momenten, die Kunst der Fotografie
mit dem Theater berührt. „Dem Theater mit seiner ursprünglichen Beziehung um Totenkult. Die ersten Schauspieler sonderten sich von der Gemeinschaft ab, indem sie die Rolle der Toten spielten: sich schminken bedeutete, sich zugleich als einen lebenden und toten Körper kennzeichnen. Die gleiche Beziehung finde ich in der Fotografie wieder; … so ist die Fotografie doch eine Art urtümlichen Theaters, eine Art von „Lebendem Bild“: die bildliche Darstellung des reglosen, geschminkten Gesichtes, in der wir die Toten sehen.“ (R. Barthes, Die helle Kammer)

Das Ende einer Vorstellung ist für den Schauspieler ein Zustand, ein Übergang, aus einem Zustand geht er in einen anderen über. Die Reglosigkeit trügt, sie beherbergt die Gleichzeitigkeit von Erregung und Erschöpfung, Anspannung und Müdigkeit, von Fülle und Leere. Noch hat sich das, was das „Private“ heißt, nicht in die Gesichtszüge eingeschlichen, noch schleicht sich die Rolle aus den Zügen davon. Ohne Ausdruck könnten diese Momente heißen. Doch nur, solange sie niemand sieht. Ein Ausnahmezustand, der unter Ausschluss von Zuschauern stattfindet.

Sollte jemand gar mit einer Kamera bewaffnet in diese heiklen, diskreten Momente platzen, er würde auf der Stelle des Ortes verwiesen. In diesem Augenblick, des nicht mehr und noch nicht hat kein Fremder etwas verloren. Ein Gerücht besagt, dass es noch vor einigen Jahren einen Paragraphen gab, §51, der den Schauspielern nach dem Ende der Vorstellung, nach einer großen Rolle, Unzurechnungsfähigkeit bescheinigte. Eine halbe Stunde vor und eine halbe Stunde nach der Vorstellung habe der Schauspieler unter dem Schutz dieses Paragraphen gestanden.

„Nicht zurechnungsfähig ist, wer zur Zeit der Tat wegen Bewusstseinsstörung, wegen krankhafter Störung der Geistestätigkeit, oder wegen Geistesschwäche unfähig ist, das Unerlaubte seiner Tat einzusehen oder dieser Einsicht gemäß zu handeln. War die Fähigkeit zur Zeit dieser Tat aus einem dieser Gründe in hohem Grade vermindert, so ist die Strafe zu mildern.“ Paragraph hin oder her, mehr oder minder zurechnungsfähig, nur der Schauspieler selbst kann diesen Zustand kennen. Man könnte ihm höchstens auflauern, ihn erwischen oder überfallen, paparazzohaft ablichten.

Doch hier ist niemand erwischt worden, hier hat eine Verabredung stattgefunden. Beide stehen sich gegenüber, als sei die Kamera die Fotografin oder umgekehrt, es ist eine Begegnung auf Augenhöhe, beide sehen sich an. Ein offner Blick auf beiden Seiten. Jeweils zwei Spieler. Die Spieler sehen die Fotografin an als blickten sie nicht in eine Kamera, sondern in einen Spiegel, der ihnen ihren Blick auf sich selbst zurückwirft. Als agiere die Fotografin wie eine Art Selbstauslöser. Verblüffend und bestechend ist die Offenheit, in der sich dieser Zustand in aller Nacktheit zeigt und dennoch unter diesem vertrauen Blick nie indiskret wird. Es ist der Blick in die Werkstatt Mensch und Schauspieler. In das Verhältnis von Körper und Raum. Es sind die toten Winkel des Glanzes; diese oft trostlosen Garderoben, Theatergänge, Wohnwagen, in denen die Kamera hier ein anderes Stück inszeniert, einen anderen Film dreht mit dem Titel „Dazwischen“ oder „Danach“.

Margarita Broich ist beides, Schauspielerin und Fotografin. Sie weiß, dass Theater und Theaterspielen unwiederbringliche Momente hat, vorbei ist, wenn es vorbei ist, weitergehen muss und weitergehen wird, und sie kennt diese merkwürdige Zeit, die dazwischen liegt. Sie ist eine von ihnen, und hat „nur“ noch etwas anderes zu tun, nämlich ihrem eigenen Blick nachzugehen, mit dem sie den Rest, das Übriggebliebene, im Abstreifen begriffene aufspürt. Sei es in Drehpausen oder am Ende der Vorstellung, bevor der Schauspieler seine Maske abgelegt hat, sein Kostüm ausgezogen und wieder ins Freie tritt, wo es meist schon dunkel ist, und er „normal“ seinen nächtlichen Alltag beginnt. Ihr Blick ist nicht etwa fremd, aber er verwandelt den Schauspieler und ihr selbst allzu Vertrautes noch einmal in etwas Fremdes. Sie gibt dem sich selbst entblößenden Akt des Spielens im Augenblick der sich vollziehenden Rückverwandlung noch einmal Würde und einen großen Auftritt. Diesen eigenen, besonderen Blick hinter die Kulissen, gewinnt sie aus Vertrautheit, aus Liebe zu ihrem Beruf (beiden Berufen) und zu ihren Freunden und Kollegen. Eine Hommage an den Beruf des Schauspielers.