Bunte

Christiane Soyke ist seit 2002 bei der BUNTEN als Autorin tätig. Seit 2009 ist sie Mitglied der Chefredaktion.
Der Artikel ist erschienen in der Ausgabe Nr. 11 am 10.3.2010

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Sie lustig, er ernst – Klappt das denn?

Martin Wuttke, der Tatort-Kommisar, und seine Frau Margarita Broich
sprechen erstmals über ihre grosse Liebe.

von Christiane Soyke

Wie soll man auf so eine Zahl reagieren? Unglaubliche 9,2 Mio. Zuschauer sahen vor kurzem den „Tatort“ aus Leipzig mit Simone Thomalla, 45, und Martin Wuttke, 49, als sich ewig streitendes Kommissarenduo. Andere Schauspieler verlieren angesichts solcher Quoten ja gern mal die Bodenhaftung, doch der Berliner Theaterstar Wuttke bleibt gelassen: „Ich bekomme das ja eigentlich gar nicht mit“, sagt er beim BUNTE-Gespräch in einem Berliner Atelier. „In meiner Lebensrealität hat sich nicht viel geändert, außer dass für mich jetzt neben dem Theater auch das Arbeitsfeld Fernsehen existiert. Höchstens wenn wir mal zu irgendeiner Veranstaltung gehen, habe ich festgestellt, dass es da plötzlich eine andere Aufmerksamkeit gibt“. Seine Frau Margarita Broich, 50, sitzt neben ihm, umarmt ihn mit Blicken, denn sie weiß, dass er jede andere Einschätzung unpassend finden würde. Dann kann sie nicht anders und strahlt: „Ich liebe meinen Mann“! Seit über 20 Jahren sind die beiden ein Paar. Sie haben drei Söhne: „Zwei eigene und einen geschenkten“, wie Margarita Broich sagt. Das „geschenkte Kind“ Paul, 24, ist längst erwachsen und stammt aus einer früheren Beziehung Wuttkes. Dann gibt es noch Hans, 19, und Franz, 10. Da grinsen immer alle, wenn die Namen fallen. Das kennen die Eltern. Und wenn Paul erzählt, wie seine Brüder heißen, erntet er oft ungläubiges Staunen. „Uns wurde erst später bewusst, wie witzig das klingt“, sagt Margarita Broich. Sie ist eine lebenslustige, temperamentvolle Frau. die sich neben der Schauspielerei auch einen Namen als Fotografin gemacht hat. Im Berliner Martin-Gropius-Bau ist ab 18. März ihre Ausstellung „Wenn der Vorhang fällt“ über 60 bekannte Schauspieler zu sehen. „Das ist seit Wochen bei uns Thema Nummer eins, sagt Wuttke. Nicht wegen der Bilder, sondern wegen nerviger Kleinigkeiten im Zusammenhang mit der Planung. „Wer zum Teufel interessiert sich für Fluchtwege, Transport oder Versicherungslisten?“ fragt er fast verzweifelt. „Ja, ich weiss“, antwortet seine Frau, „aber ich bin froh und dankbar; dass sich zu Hause jemand diesen Käse anhört. Und wenn Martin die nächste Premiere hat, „steht das wieder im Mittelpunkt.“ Ihr Zuhause ist eine bunt zusammengewürfelte Wohngemeinschaft in Berlin-Wilmersdorf aus Familie und „Wahlverwandten“, wie sie sagen. So lebt die Tochter des besten Freundes bei ihnen und hat vor vier Monaten ein Baby bekommen, das Martin Wuttke die Nacht zuvor stundenlang durch die Wohnung getragen hat. Eigentlich wollte er an einer Neuinszenierung für das Wiener Burgtheater arbeiten, aber das war unmöglich: „Also habe ich mal wieder eine Nachtschicht eingelegt. “Die Kinder bestimmen einen großen Teil ihres Alltags: „Früher sind die Kinder mit uns auf Theatertourneen durch Indien und Brasilien gefahren, heute gehen sie mit ihren Freunden in die Vorstellung. Sie haben da über die Jahre einen ziemlich differenzierten Geschmack entwickelt. “Feste Regeln, wer was zu mögen oder anzusehen hat, wären den Eltern ein Graus, Toleranz ist ihnen wichtiger.

Bei Wuttkes in der Küche läuft meist der Fernseher – oft Nachrichten, aber es wird auch in Trash-Programme wie das Dschungelcamp gezappt. Es gab sogar Zeiten, da haben die großen Söhne exzessiv am Computer gespielt: „Dass man sich damit auskennt, bedeutet ja auch eine gewisse Kompetenz gegenüber Gleichaltrigen und damit eine weitere Möglichkeit, sich zu sozialisieren. Das muss nicht unbedingt schlechter sein, als dauernd über eine grüne Wiese zu hoppeln“. meint Wuttke. Strenge Disziplin? Das mögen beide nicht so gern. Striktes Erziehungskonzept? „Nein“, sagen sie lachend, „dazu sind wir selbst zu chaotisch.“ Wie kann man angesichts so viel familiärer Unruhe gelassen bleiben? Lebt er Gefühle wie Wut und Hass intensiv auf der Bühne aus? Nein. Für mich ist das Theater kein Instrument, um meine Psyche ins Gleichgewicht zu bringen. Was weiss denn Hamlet von meinen Gefühlen? Als Schauspieler interessieren mich zunächst die Themen und weniger die Gefühlswelt, die damit verbunden sein soll. Ich bin ja kein Gefühlskraftwerk, das Texte nur mit Gefühlen und Fleisch und Blut versorgt. „So eine Ruhe wie sein „Tatort“-Keppler in der Pension, in welcher der abgestiegen ist, wünscht er sich allerdings manchmal, aber „das ist nicht machbar: Eine geschlossene Tür ist keine geschlossene Tür: Die fliegt auf, jemand stürmt rein und sagt, was er zu sagen hat. Eigentlich dachte ich, dass wenigstens die Zeit der vollen Windeln vorbei wäre, aber jetzt fängt die nächste Generation mit dem Kinderkriegen an. Kennengelernt hat sich das Paar am Theater. „Im Aufzug. Margarita war zum Vorsprechen nach Frankfurt gekommen, wo ich seit zwei Jahren engagiert war“. Der Anfang der Liebesbeziehung verlief nicht ohne Komplikationen. „Doch mit den Jahren wurde unser Leben immer schöner“, sagt sie. Und das könnte an einem Satz liegen, den Wuttke vor einiger Zeit mal zu seiner Frau gesagt hat – für sie „die schönste Liebeserklärung“. Sie erinnert sich noch genau an seine Worte: „Schau mal, ich habe dich kennengelernt und mich in dich verliebt. Da werde ich doch jetzt nicht so dumm sein und anfangen, dich ändern zu wollen. „Ja, dazu steht er, sagt Wuttke. Dann lacht Margarita Broich mal wieder schalkhaft: „Warum sollte man seinen Mann auch zu oft austauschen? Der nächste hat doch wieder drei bis fünf Fehler“. Dann will sie aber noch etwas Ernstes über ihren Mann und ihre Beziehung sagen: „Das Wunderbare an Martin ist, dass ich auch nach über 20 Jahren immer hören will, was er denkt. Er hat eine so besondere Art, die Dinge zu sehen. Da gibt es keinen Trampelpfad der Meinungen. Das ist immer wieder betörend neu. Aber er kann auch andere Sachen gut, zum Beispiel kochen! Er ist einfach ein toller Mann.“ Martin Wuttke lächelt und überlegt, was er jetzt Nettes über seine Frau sagen kann – da klingelt das Handy. Der jüngste Sohn ist dran, meldet dem Papa eine Supernote in Englisch. „Cool“, strahlt der Vater. „Gut, dass wir so viel gelernt haben. “Das macht Wuttke auch noch? Hausaufgaben mit dem Sohn? Ja. Der Mann ist wirklich extrem vielseitig.