Burghart Klaußner – Leverkusen

Burghart Klaußner ist Mitglied der Freien Akademie der Künste in Hamburg und der Deutschen Filmakademie, in deren Vorstand er 2010 gewählt wurde. Er ist auch als Regisseur und Autor aktiv.
2009 inszenierte er am Schauspielhaus Bochum sein erstes eigenes Stück Marigold.
2010 erhielt Klaußner den Deutschen Filmpreis als Bester Hauptdarsteller für Das weiße Band. Im selben Jahr war er am Staatsschauspiel Dresden in Don Carlos als spanischer König Philipp II. zu sehen.
2011 erhielt Klaußner den Deutschen Hörbuchpreis in der Kategorie „Bester Interpret“.

www.burghartklaussner.de

 

 

 

 

Rede zur Ausstellungseröffnung am 24. August 2012 in Leverkusen

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Margarita,
als ich Margarita Broichs hier ausgestellte Fotos zum ersten Mal sah, war mir, obwohl selber Schauspieler, als bekäme ich eine alte Neugier gestillt. Die Neugier danach, wie es wohl dahinter aussieht. Hinter den Wänden, den Vorhängen, die die dargestellte Welt von der wirklichen scheiden. In den Räumen, in denen wahrscheinlich die Vorbereitung stattfindet, die Aufladung, die der Alltagsmensch braucht, um zum Spieler  zu werden und in denen er sie wieder los wird, die Verrückung in eine andere Existenz. Die alte Rummelplatz- , die alte Zirkusfrage, wo kommen die her, die Verkleideten? Und wo gehen sie hin wenn die Bühnen leer sind. Und vor allem : warum tun sie es? Immer wieder schien mir beim Betrachten der Bilder halb ertappt, halbverschämt, die Frage aufzutauchen, was geschieht hier mit mir? Als wüßte ich nicht aus eigener Erfahrung, daß es für dieses Treiben und Übertreiben keine Erklärung gibt, daß es vielmehr die Erklärung selbst ist. Dafür nämlich, daß wir Schauspieler und vielleicht nicht nur wir, ohne den Grenzgang zwischen unserer Bürovernunft und dem Rausch anderer Identitäten nicht überleben könnten. Im Land des Karnevals wird man verstehen was ich meine. Denen, die mit  diesem Wechselbad ihren Lebensunterhalt  bestreiten, gelten die Fotografien von Margarita Broich. Denn Margarita Broich kennt beide Seiten. 1960 geboren studierte sie zunächst Fotodesign an der Fachhochschule Dortmund und arbeitete danach zwei Jahre lang als Theaterfotografin am Bochumer Schauspielhaus unter Claus Peymann. In dieser Zeit reifte der Entschluss, selbst Schauspielerin zu werden. Von 1983 bis 1987 studierte sie Schauspiel an der Hochschule der Künste in Berlin und wurde selbst eine bewundernswerte Schauspielerin. Wovon Sie Sich Alle selbst überzeugen können, wenn wir am 10. November hier mit unserer Aufführung „Tod eines Handlungsreisenden“ zu Gast sein werden. Sie spielte seither an namhaften Häusern wie dem Deutschen Theater in Berlin, dem Maxim-Gorki-Theater, der Volksbühne Berlin, aber auch bei den Salzburger Festspielen. Elf Jahre, von 1991 bis 2002,  war sie Mitglied des Berliner Ensembles. Und auch in zahlreichen ausgezeichneten Film- und Fernsehproduktionen war sie zu sehen. Margarita weiß also, wie es ist fotografiert zu werden und sie kennt den Unterschied zwischen Foto, Film und Bühne aus eigenen Erleben. Darüber wird noch zu sprechen sein. Nach Ausstellungen in Salzburg, Berlin und München ab heute nun also in Leverkusen :  „Nach der Vorstellung“. Der erste Eindruck all dieser wunderbaren Portraits, ist der einer großen Buntheit . “ Vom farbigen Abglanz haben wir das Leben “ ? Oh nein. Im Gegenteil sehen wir, daß die  Räume und Umgebungen des praktischen Lebens hier flächig sind, einfarbig, fast immer langweilig . Erst die vor diesem Hintergrund Erscheinenden bringen Farbe ins Bild, ins Leben. Doch muß sie mitgebracht werden, gehört nicht hierher, ist künstlich, Kunst eben. Wie ein der Ödnis abgetrotzter Triumph mag es wirken, wenn in einem abenteuerlich ausgestopften Kostüm Julia Bossen auf ihren Auftritt in einem Flur wartet, der ans Finanzamt erinnert. Der einzige Farb- und also Trostfleck auf dem kargen Acker ist Veronika Ferres. Verkleidet. Als Bäuerin. Sophie von Kessel leuchtet blau vor den Büromöbeln einer Staatstheatergarderobe, wie Birgit Minichmayer rot, vor der zur Rumpelkammer profanierten Ecke des Salzburger Doms. Ein Triumph der Farbfotografie also, denn gerade durch sie erfahren wir die Verrücktheit der Personen aus ihrer Umgebung besonders deutlich. Von allen Aufgaben, die die Schauspielerei bereit hält, empfand ich persönlich das unvermeidliche Fotografiertwerden immer als die größte Herausforderung. Auf der Bühne lebt man, vor der Filmkamera bewegt man den Körper oder die Gedanken, vor der Fotolinse erstarrt man. Abgeschossen heißt denn auch im Fachjargon der Moment. Und gerade weil dem Betrachter ein Foto die Utopie unendlicher Gegenwart ist, erträgt er keinerlei Erstarrung des Portraitierten. Wie konnte Margarita Broich dieser Gefahr begegnen? Als Kollegin und Komplizin gelang es ihr jene Momente zu nutzen, in denen die Menschen, vom Darstellungszwang erlöst, wie entleert erscheinen, weder schon tot noch neugeboren. Unsterbliche also. Wie eine Fotografie das suggeriert und der Mythos es den Künstlern zumißt. Denn nicht auf der Bühne oder vor der Kamera beim Spiel trifft die Fotografin ihre Protagonisten, sondern dort, wo sie, quasi unbehaust, sich erst wieder finden müssen. Ohne Dekor, ohne Text und vor allem ohne Publikum gelingt keine Rolle mehr. Und so sitzen oder stehen sie da und schauen  der Fotografin direkt in die Kamera. Die Behauptungen, die triumphalen Gesten haben ein Ende und wie ertappt blitzt in den Augen die Frage warum? Warum tu ich das? Wie kam ich hierher? Wie komm ich hier wieder weg und wann endlich wieder her? Das Warum der Nachtwandler und Reisenden. Ein Warum, das nur in diesem Augenblick des Übergangs von einer Rolle zur nächsten möglich scheint. In diesem Zustand der Erleichterung, der Erschöpfung. Hier, in diesen Warteräumen, im Innehalten, ist Platz für diese Frage. Doch nur für den Bruchteil der Belichtungssekunde, denn danach beginnt alles weiterzufließen und seinen Nützlichkeitsobulus zu fordern. Die Frage bleibt stehen, die Antwort bleibt uns überlassen. Was sie uns sollen diese Spieler, ob wir sie wollen diese Clowns. Oder ob nicht doch sie es sind, die mit ihrem orientierungslosen Suchen schon lange den Rettungsschirm aufhalten, der uns hält und beseelt.
Denn auch davon erzählen, Margarita,  deine Bilder.