Die Welt

Auf der Suche nach dem idealen Typen

Fotoschau „Traummänner“  in Deichtorhallen

von Belinda Grace Gardner

Smarter Mann vor azurblauem Grund: So könnte Martin Schoellers Porträt von George Clooney heißen, der in der Filmfestspiel-Stadt Cannes lässig an heller Felswand lehnt, gerahmt von reichlich Meer und Himmel. Der zweifach zum Sexiest Man Alive gekürte amerikanische Star gehört zu den am wenigsten überraschenden „Traummänner“, die derzeit im Haus der Photographie in den Deichtorhallen geballt in Erscheinung treten. Ungewöhnlicher sind da die, ebenfalls von Schoeller produzierten für die Ästhetik des Münchner Fotografen typischen extremen Nahaufnahmen von Barack Obama, Brad Pitt oder Zinedine Zidane, die der schönen Pose Eigenwilligkeit entgegensetzen. Nach den„Traumfrauen“ (2008 in den Deichtorhallen) wurde auch die aktuelle, rund ı5o Exponate umfassende Schau von der Berliner Ausstellungsmacherin und Publizistin Nadine Barth in Zusammenarbeit mit der Hamburger Art-Directorin Julia Wagner konzipiert. Gemeinsam mit Ingo Taubhorn, Kurator des Hauses der Photographie, setzten die beiden das Konzept mit dramaturgischer Verve und markanten Rot-Akzenten als gelungenes Seh-Erlebnis räumlich in Szene. 50 international renommierte Fotografen, vor allem aus dem Feld der Mode-, Lifestyle- und Porträt-Fotografie (tätig für Magazine wie GQ, Rolling Stone, Vanity Fair oder Vogue), waren eingeladen, jeweils ihre Vision optimal männlicher Attraktivität beizusteuern. Locker in Kapiteln wie „elegant“, „persönlich“, „poetisch“, „viril“ oder „eigensinnig“ gruppiert, reichen diese entsprechend von Bruce Webers Schwarzweiß-Studien, darunter von Jazz-Legende Chet Baker, Künstler Cy Twombly und Hollywood-Ikone Robert Mitchum, über Daniel Rieras Dressmen-Typen, die ihre perfekt geschnittenen Anzüge in New York spazieren tragen, bis zu Paola Kudackis prominent vertretener Aktaufnahme eines unbekannten Alex: Ein Konterfei, das „eher derb, mit einer fleischlichen, fast animalischen Form und einer gewissen Unschuld der Pose“ wirkt, wie die argentinische Fotografin selbst meint. Das betont absurde Herzstück der Schau: Sasha Weidners Riesenpanorama mit Beachboys am palmengesäumtem Pool. Im Großen und Ganzen liegt aber bei den „Traummänner“ der Fokus weniger auf nackter Körperlichkeit denn auf Individualität, dem Ausdruck von Persönlichkeit, Esprit, Nachdenklichkeit. „Unterm Strich“, so Nadine Barth, „geht es um Charakter“, wobei „der modere Mann auch sexy sein darf“.
Die Ausstellung bietet eine Reflexion der medialen Bilder, die unsere aktuellen Vorstellungen des Maskulinen und damit verbundener Ideale prägen. Diese, so zeigt sich, schließen Verletzlichkeit und Albernheit, wie bei Henrik Halvarssons clownesken Ansichten des schwedischen Schauspielers Mikael Persbrandt, nicht aus. Am interessantesten ist die Zusammenstellung der „Traummänner“, wo selbige aus der Rolle fallen und Klischees durchbrechen. Im Vergleich zu den „Traumfrauen“, bei denen die beitragenden Fotografen „visionäre Zukunftsdarstellungen“ entwarfen, beobachtet Nadine Barth indes bei deren männlichen Pendants eine Rückkehr zum „Ursprung“, zur „Auseinandersetzung mit den archaischen Wurzeln“. Wohin das führen kann, zeigt der namenlose Bärtige mit wildem Blick, der von Brandung umspült, wie Fotograf Nathaniel Goldberg sagt, „sein wahres Selbst“ zu erkennen gibt. Der wahre Traummann hingegen lässt sich nicht so einfach festmachen, entscheidet doch am Ende das Auge des Betrachters, der Betrachterin. Deshalb hat das Publikum im Rahmen der Schau die Möglichkeit, unter dem Motto „Mein Traummann“ eigene Visionen vom Ideal ein- und an die bereit gestellte Wand zu bringen.