Du

Erschienen in DU im November 2009

www.du-magazin.com

Ende der Vorstellung

von Julian Schütt

Sie postierten sich jeweils vor dem Bühneneingang und warteten schlichst, bis die Probe oder die Vorstellung zu Ende war. Sie waren Anbeter, als es das im Theater noch gab, verstanden sich als Bruder- schaft. Und nebenher waren sie Gymnasiasten. Jeder hatte seine Schauspielerin. Von den Eltern erhielten sie selten das Geld, um ein ganzes Stück zu sehen, so hoffte jeder auf eine Privatvorstellung, die erst noch gratis war. Sie bestand zwar nur aus einem Sekundenauftritt an der Hintertür, der zugleich ein Abgang war, aber immerhin. Am nächsten Tag warteten sie erneut, einer tat es mal zu aufdringlich und kassierte eine Ohrfeige, ehe sich die hohen Absätze seiner Träume entfernten; ein anderer aus der Bruderschaft hat später darüber geschrieben: Max Frisch. Es sei eine Zeit «voll Ahnung des Schönen gewesen», schrieb er in einem frühen Feuilleton, in der «jeder Mensch einmal die grossen, einfachen und endlosen Fragen stellt, was der Sinn des Todes wäre, der Liebe und des Lebens.Nachher verzichten sie auf den Sinn…» Die Geschichte kippt unerwartet ins Tragische: Alles löst sich auf, auch die Bruderschaft, nachdem eines Tages eine der Angebeteten nicht mehr erscheint. Sie hat sich während der Probe erschossen. Ende der Vorstellung. Ende der Illusion? Es ist nur ein Erzähltest, und doch hat es den Todesfall am Zürcher Schauspielhaus tatsächlich gegeben.

Was ist Illusion, was wirklich? Was nicht mehr Vorstellung, was noch nicht Leben? Um diesen Schwebezustand vom Nicht-mehr zum Noch-nicht geht es in dem Fotobuch von Margarita Broich, die als Schauspielerin ein Star ist und jetzt als Fotografin zu entdecken ist (eigentlich war sie zuerst Theaterfotografin, ehe sie Schauspielerin wurde). Der Titel des Buches? Ende der Vorstellung Margarita Broich hat bekannte und unbekannte Theater- und einige Filmgesichter unmittelbar nach einer Aufführung oder nach einem Filmtake festgehalten, darunter Kate Winslet, Martina Gedeck, Ottfried Fischer, Angela Winkler, Otto Sandet, Martin Wuttke, Barbara Auer. Kameras sind in dieser Zwischenphase, wo die Schauspieler nicht mehr ihre Rolle spielen und noch nicht Privatpersonen sind, in der Regel unerwünscht. Bis vor einigen Jahren gab es gar einen Gesetzesparagraphen, der den Schauspielern unmittelbar nach der Vorstellung einer grossen Rolle Unzurechnungsfähigkeit bescheinigte. Andererseits sind genau in dieser Zeit des Übergangs, des Ausgesetztseins und des Abschminkens die Momente zu finden, in denen Spiel und Leben, Illusion und Wirklichkeit, Theater und Fotografie am intensivsten zusammenkommen. Eine der Aufnahmen zeigt die Fotografin selbst nach einer Vorstellung von Christoph Schlingensiefs Rosebud an der Berliner Volksbühne. An der Stirn klafft eine tiefe Wunde, die eine Gesichtshälfte ist voll Blut, doch der Blick von Margarita Broich dringt durch die Rosebud-Rolle hindurch bis zum Betrachter ihres fotografischen Selbstbildes. So stark ist der Blick schon wieder. Und das am Ende der Vorstellung.