Frankfurter Rundschau

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Das Spiel ist aus

von Lena Fölsche und Thomas Wolff

Klaus-Maria Brandauer ausgebrannt, Ben Becker todmüde, Kate Winslet apathisch – und gerade deshalb aussdrucksstark. Für die Porträts ihrer Kollegen nutzte Schauspielerin Margarita Broich die Minuten nach der Vorstellung. Hier erzählt sie von diesen Begegnungen im allerletzten Akt.

Martin Wuttke

Alle fragen mich, ob der Pudel neben Martin Wuttke echt ist. Ja, ist er. Er mimt des Pudels Kern in „Gretchens Faust“ und ist eine wirkliche Rampensau. Es war sehr schwer, einen Pudel für die Aufführung in Berlin zu finden, weil diese Tiere so aus der Mode gekommen sind. Aber er macht sich gut neben Martins Faust! Von ihm habe ich natürlich die meisten Bilder. Fast jede Rolle. Von Hamlet bis Hitler. Wir leben zusammen, da spart man sich die Verabredung fürs Fotografieren. Meiner Familie bin ich aber sicher oft auf die Nerven gegangen mit meinem dauernden: „Bleib mal stehen“ und „halt mal still.“ In meiner Ausstellung sind aber noch andere Schauspieler mit ihren Tieren, zum Beispiel Ulrich Tukur. Sein Hund ist dressiert und fällt um, wenn man „peng“ ruft.

Kate Winslet

Ich habe selten jemanden getroffen, der so unkompliziert war wie Kate Winslet. Da habe ich in Deutschland schon mit ganz anderen Leuten gedreht – die hat man außer vor der Kamera nicht zu Gesicht bekommen. Mit Kate Winslet saß ich morgens vor den Dreharbeiten für „Der Vorleser“ in der Maske und hatte dieselben blöden Lockenwickler für diese grässlichen 50er-Jahre-Frisuren auf dem Kopf wie sie. Die Dreharbeiten hatten etwas von einer fröhlich alternativen Theatertruppe.

Ben Becker

Eine Stunde wurde Ben Becker jeden Tag bei den Salzburger Festspielen für seine Rolle als Tod im „Jedermann“ geschminkt, und das Abschminken hat fast genauso lange gedauert. Ben war nach der Vorstellung ziemlich fertig, obwohl er an diesem Tag noch Glück hatte: Es hatte geregnet. Meistens hat man dort zur Festspielzeit um die 30 Grad. Da sind solche Masken grenzwertig. Trotzdem: Nach dem Auftritt sieht man immer viel schöner aus als vorher. Schauspieler sind direkt nach der Vorstellung leer, aber gut durchblutet. Da ist einfach ein gewisser Darstellungsdrang abgearbeitet, der sonst stören kann, wenn man Schauspieler por- trätieren möchte. Ich fotografiere aber nur Kollegen, mit denen ich gespielt habe oder mit denen ich befreundet bin. Ben kenne ich, seit er ein Kind war. Auf meinen Fotos schauen die Schauspieler immer in die Kamera, beziehungsweise mich als Margarita an. Ich glaube, es ist ein sehr vertrauter Blick.

Klaus Maria Brandauer

Klaus-Maria Brandauer hatte zehn Stunden Wallenstein hinter sich, als ich diese Aufnahme machte. Ich habe ihn vor seinem Garderobenständer fotogra- fiert. Eigentlich inszeniere ich meine Bilder nicht, aber hier war es anders. Brandauer wirkte so unglaublich kräftig und hatte so viel Kostüm an – er wirkte auf mich wie gepanzert. Da habe ich ihn gebeten, seine Schuhe auszuziehen. Die Füße, die zum Vorschein kamen, wirken auf dem Foto sehr verletzlich.

Margarita Broich

Es ist ein einsamer Moment, wenn man nach der Aufführung in der Garderobe in den Spiegel schaut. Dieses Selbstporträt habe ich nach einer Vorstellung von Schlingensiefs „Rosebud“ in Berlin gemacht. Ich spielte die Rolle der Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf. Zwei Stunden lang hat man mich über die Bühne geschleift. Danach sah ich aus wie nach einem Verkehrsunfall – das hat mich in der Garderobe lange beschäftigt. Immerhin, das Theaterblut konnte ich abwaschen, und es schmeckt auch ganz gut – sehr süßlich. Es war anstrengend, damals mit Christoph zu arbeiten, aber es war gut. Ich bin ja durch eine harte Schule gegangen, habe mit Regisseuren wie Einar Schleef gearbeitet und anderen großartigen „Wilden“.