Hanns Zischler

Neben seiner Rollen in Film und Fernsehen ist Hanns Zischler als Autor von Filmkritiken, Hörspielen sowie literarischen Essays tätig. 2006 hat er den Alpheus Verlag neu gegründet.
2009 erhielt er den Heinrich-Mann- Preis der Berliner Akademie der Künste

www.alpheus-verlag.de

Hans Zischler

DEUTSCH

Hypnotisches Nachspiel

Das fotografierte Theater ist, unvermeidlicherweise, mit einem Geburtsfehler behaftet. Was sich auf der Bühne ereignet (hat), können wir auf Fotografien nur schemenhaft erkennen.

Der entscheidende Grund für diesen Geburtsfehler aber liegt in der Vereinzelung des Bildbetrachters, in seiner räumlichen wie zeitlichen affektiven Distanz vom Geschehen. Daumiers hinreißendes Bild »Das Drama« in der Münchner Neuen Pinakothek hält diese Affektaufladung unvergleichlich fest: der Blick des Betrachters ist förmlich umringt von erregten Zuschauern, die dem Geschehen auf der von den lechzenden Blicken fast erdrückten Bühne mit atemloser Aufmerksamkeit folgen. Das Geheimnis des Theaters wird hier offenbar, daß der Zuschauer für Ewigkeitsaugenblicke einer phantastischen Verzückung sich selbst als chorischer Akteur wähnen darf.

Was aber geschieht, wenn das Spiel aus ist, wenn wir uns aus der Illusionierung wie aus einer hypnotischen Erstarrung lösen und wieder, sehr irdisch, in die Nacht hinausbewegen müssen, wenn der nüchterne Dämon des Alltags (zu dem die Nacht keine Analogie kennt) uns heimsucht, wenn der Vorhang gefallen und die Akteure verschwunden sind?

Das Spiel ist aus, aber die Spieler sind noch nicht ins Leben zurückgekommen. Sie halten sich in einem Zwischenreich auf. Sie können nicht einfach »hinaus« treten, als sei nichts geschehen. Es ist zu viel geschehen, sie selbst haben ein Spektakel ohnegleichen veranstaltet, haben sich verausgabt, erschöpft und den Rückprall ihrer nervösen Ausschüttung zu spüren bekommen, vielleicht sogar erzwungen, um sich erneut zu verausgaben. Da capo al fine.

Jetzt aber, in den blinden Momenten nach dem Ende des Spiels, tritt ein zwittriger Augenblick nachhallenden Glücks ein. Woher wir das wissen? Haben wir es je gesehen? Sind wir dabei gewesen? Margarita Broich hat es uns überliefert. Wie ein Ethnologe hat sie, selbst Angehörige des Wilden Stamms, diesen letzten Bezirk aufgesucht und die dort Gestrandeten festgehalten. Es sind Bilder, wie wir sie noch nie auf dem Theater gesehen haben – eben weil sie schon nicht mehr »auf dem Theater«, aber auch noch nicht jenseits davon gemacht worden sind. Wenn es einen Zustand glückseliger Identitätslosigkeit und einer traumwandlerischen Unversehrtheit gibt, dann hier. Das Zwischenreich, das uns diese Fotografien zeigen, gibt es nur hier und nur beim Wilden Stamm (vielleicht noch bei den Akrobaten und den Dompteuren.)

Die ebenso hehre wie löchrige Trennung von privater und öffentlicher Sphäre ist kraft dieser Bilder aufgehoben zugunsten eines dritten, eines Binnenraums. Die Fotografien öffnen uns den Blick für den einzigartigen Schwellenraum zwischen Drinnen und Draußen, in dem dieses Volk sich nach dem Spiel bewegt. Und ihre Erstarrung und Ermattung könnte gar nicht besser als durch dieses Medium überliefert werden.

Die Schminke hat sich verbraucht und die Maske hinter sich gelassen. Große Sprachlosigkeit ergreift die Akteure. Die eigene Sprache ist noch nicht wiedergefunden, die Bühnensprache ist verflogen (»My word fly up, my thoughts remain below. Words without thought never to heaven go«) und eine eigentümliche, nur in diesem Bereich denkbare Aphasie breitet sich aus. Die Schauspieler, die Margarita Broich fotografiert hat, wurden nicht erhascht und paparazziartig überfallen, sondern sie haben sich, mit dem freien Willen von Schlafwandlern, ihrer Fotografie anvertraut. Ihre entrückten Blicke erinnern an Odysseus, nachdem er über das Schattenreich gebeugt zu seinen Gefährten zurückgekehrt ist. Aus den Blicken der Schauspieler spricht und leuchtet, schon verlöschend, der Abglanz eines Tumults. Und wir, die Betrachter dieser Fotografien, bekommen als eine Trophäe die Nachwehen des Spiels auf ihren Gesichtern ausgehändigt. Bühne frei für Margarita!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Text ist dem akuellen Katalog entnommen.
Erschienen im Alexander Verlag Verlag.
Zweisprachige Ausgabe (Dt./Engl.)
Format 24,5 x 26,5 cm 96 Seiten, Fadenheftung,
Hardcover mit Schutzumschlag

75 farbige Abbildungen
ISBN 978-3-89581-248-4 € 28,00 (D)
Erschienen März 2011
www.alexander-verlag.com

ENGLISCH

Hypnotic Aftermath

Photographed theater is unavoidably tainted with a congenital defect. Of all that is (has been) happening on the stage, only shadows remain for us to see in photographs.

The crucial reason for this congenital defect is the isolation of the viewer in his spatial and temporal affective distance from the action. Daumier’s enchanting painting »The Drama« at the Neue Pinakothek in Munich captures incomparably such an affective charge: the gaze of the viewer is actually surrounded by an excited audience following the action onstage with breathless attention – the stage well-nigh smothered in lusful glances. The secret of the theater is unveiled here: the spectator can imagine himself as a choral actor for a few moments that last an eternity.

But what happens once the play is over, once we have liberated ourselves from the illusion as though from a hypnotic torpor and again, very mundanely, have to move out into the night, when the sober demon of day-to-day life (the term has no analogy for the night) haunts us, when the curtain has fallen and the actors have disappeared?

The play is over, but the players have not returned to life yet. They linger in an intermediate realm. They cannot just walk »outside« as though nothing has happened. Too much has happened; they themselves have staged a unique spectacle, have spent themselves, exhausted themselves, and feel the recoil of their nervous release, probably even forcing it so that they can spend themselves anew. Da capo alfine.

Yet now, in the sightless moments after the end of the show, an ambiguous moment of echoing happiness transpires. How do we know that? Have we ever seen it? Were we there? Margarita Broich has passed it on to us. Like an ethnologist, she herself a member of the Wild Tribe, she has visited this last district and captured those who got stranded there. These are pictures as we have never seen onstage-for the very good reason that they were not taken »onstage« yet not beyond it either. If there is something like the State of joyous lack of identity and an oneiric inviolacy, then it’s here. The intermediate realm the photographer shows us exists only here and only with the Wild Tribe (perhaps with acrobats and animal tamers as well).

By virtue of these pictures, the separation of the private from the public sphere, which is as sublime as it is porous, has been sublated in favor of a third-an internal-space. The photographs open up our eyes to view the unique threshold space between inside and outside in which this Tribe moves after the play. And their torpor and fatigue could not be transferred better than by this medium.

The make-up has been used up, the mask left behind. Agreat speechlessness takes hold of the actors. They haven’t yet won back their own speech, the stage language has evaporated (»My words fly up, my thoughts remain below. Words without thought never to heaven go«) – and a strange aphasia that is conceivable only in this realm overcomes them. The actors whom Margarita Broich photographed were not snatched up and were not assaulted as a paparazzi would do; rather they have confided themselves to their photographs, with all the free will of sleepwalkers. Their eyes, lost in reverie, remind one of Ulysses after he, bent over the shadows in Hades, had returned to his companions. The reflection of a wild uproar, already dying down, speaks and shines from the eyes of the actors. And we, the observers of these photographs, get as a trophy the afterpains of the play on their faces. Make way onstage for Margarita!