Selbstvergewisserung im Spiegel

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

Die intensiven Schauspielerporträts von Margarita Broich fangen den unmittelbaren Moment nach einer Vorstellung ein. Im Berliner Martin-Gropius-Bau sind jetzt über 60 Fotografien der Berlinerin zu sehen

Der Teufel sitzt auf einer Bank. Lässig hat er die Beine übereinander geschlagen, der schwarze Schwanz schlängelt sich bis auf den Boden. Das Foto des Schauspielers Peter Jordan entstand 2010 unmittelbar nach der Aufführung des Jedermann in Salzburg. Der Teufelsdarsteller steckte da noch im glänzend schwarzen Kostüm. Die blutrot geschminkten Augen blicken erschöpft und leicht irritiert in die Kamera. Die Fotografie
entstand gerade in dem Moment, als Peter Jordan seine Rolle innerlich ablegte, im Moment der Häutung zwischen Bühnenpräsenz und der langsamen Verwandlung zurück zum Privatmenschen.
Immer auf der Suche nach diesen kurzen intensiven Momenten im Leben von Schauspielern ist Margarita Broich, Jahrgang 1960. Der Martin-Gropius-Bau in Berlin zeigt jetzt unter dem Titel „Wenn der Vorhang fällt“ über 60 Fotografien der heutigen Film- und Theaterschauspielerin. Mit dieser Ausstellung kehrt Broich gewissermaßen zu ihren Anfängen zurück. Denn zunächst studierte sie Fotodesign in Dortmund und arbeitete danach als Theaterfotografin am Schauspiel Bochum in der Ära von Claus Peymann. Erst anschließend ging sie an die Hochschule der Künste nach Berlin und wandte sich dem Schauspiel zu. Sie wurde festes Ensemblemitglied am Schauspielhaus Frankfurt Main und später am Berliner Ensemble. Broich spielte unter George Tabori, Heiner Müller, Robert Wilson und Christoph Schlingensief. Eine Rolle bei Schlingensief war dann auch der Auslöser für ihre Rückkehr zur Fotografie. „Nach einer Vorstellung von Christoph Schlingensief 2001 kam ich mit Theaterblut verschmiert in meine Garderobe“, erinnert sie sich. „Und was ich im Spiegel sah, verstörte mich zutiefst. Ich glaube, das war der Auslöser, diesen eigenartigen Zwischenzustand nach einer Vorstellung bei meinen Kollegen, mit denen ich gespielt oder gedreht hatte, festzuhalten.“
Das Selbstporträt mit blutverschmiertem Gesicht hängt gleich am Eingang der Berliner Schau. Es ist die erste Einzelpräsentation von Margarita Broich in Deutschland. Man begegnet auf Schritt und Tritt Theatergrößen und Filmschauspielern der letzten Jahre: Martin Wuttke, übrigens der Mann von Margarita Broich, noch in der Gretchenperücke und mit Pudel Taxi nach einer Vorstellung von Goethes „Faust“. Die zerbrechlich wirkende Sunnyi Melles am Bühnenrand nach einer „Phädra“-Aufführung. Die relaxt und wie immer damenhaft erscheinende Irm Hermann, die in ihrer Garderobe lässig die Beine hochgelegt hat. Ulrich Tukur nach einem Liederabend mit verrutschter Fliege, den Arm etwas unbeholfen auf einen Barhocker gestützt. Oder Charakterdarsteller Otto Sander, ausgelaugt in der Garderobe des Berliner Renaissance Theaters, die glimmende „Zigarette danach“ bereits in der Hand.
„Der Moment, wo man merkwürdig auf sich selbst geworfen in den Spiegel guckt, war mir so vertraut“, erzählt Margarita Broich. Zuhause in beiden Bereichen, erwarb sich die fotografierende Schauspielerin schnell das Vertrauen ihrer Kollegen. „Das fiel mir in die Hände, das war nicht schwer“, berichtet Broich. Über Jahre hält sie mit ihrer Digitalkamera und ohne große Ausrüstung die intimen Momente nach der Vorstellung fest: Wenn die Maske fällt und der Schauspieler wieder zu sich selbst findet. Margarita Broich achtet auf Kleinigkeiten wie verrutschte Kostüme, die hastig geöffnete Bierflasche, die Selbstvergewisserung im Spiegel. Zeit für Besinnung und Sammlung hinter dem Vorhang oder in der profanen Umgebung der Garderobe. „Da hat man das Gefühl, der Körper dampft noch“, sagt sie.
Manche Aufnahmen entstanden auch am Filmset. Kollegin Martina Gedeck lächelt entspannt, während sie im schwarzen Spitzenkleid unter mächtigen Scheinwerfern sitzt. Und die ländlich wirkenden Schwestern Melanie und Daniela Reichert, bekannt aus dem Film „Unter Bauern“, strahlen in ihren Blümchenkleidern vor einem grünen Maisfeld um die Wette. Eine Schau mit vielen alten Bekannten, die den durchlässigen Moment zwischen Rolle und Leben gekonnt einfängt. Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit dem Berliner Theatertreffen organisiert. Sie dürfte Museums- und Theaterpublikum gleichermaßen anziehen.

Die Ausstellung „Wenn der Vorhang fällt. Margarita Broich – Fotografien“ ist bis zum 30. Mai zu sehen. Der Martin-Gropius-Bau hat täglich außer dienstags, zusätzlich am 26. April, von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Der Katalog ist im Alexander Verlag Berlin erscheinen und kostet im Gropiusbau 15 Euro, im Buchhandel 28 Euro.