Spiegel Online

Der Artikel wurde am 15. März 2011 auf Spiegel Online-Kultur veröffentlicht.

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Intime Momente mit John Malkowich

von Ingeborg Wiensowski

Nach dem großen Auftritt: Die Schauspielerin und Fotografin Margarita Broich fotografiert Kollegen, wenn deren Arbeit getan ist und sie sich in Privatmenschen zurückverwandeln. Diese ungewöhnlichen Bilder zeigen jetzt ein Bildband und gleich drei Ausstellungen.
Eine Schauspielerin, die fotografiert? Nein, so verstehe sie sich nicht, sagt Margarita Broich. Sie sei Fotografin, und sie sei Schauspielerin. „Da habe ich immer Wert drauf gelegt, weil ich nicht so erscheinen will, wie Schauspieler, die töpfern oder Seidenmalerei machen.“ Darüber braucht sich Broich eigentlich keine Gedanken zu machen: Kein Mensch, der ihre Fotos sieht, würde dabei an Hobby oder an Kunstgewerbe denken.
Gezeigt hat sie ihre Fotografien allerdings erst einmal, nämlich vor zwei Jahren während der Festspiele in Salzburg. Zur Deutschlandpremiere tritt die Fotografin Broich dafür gleich dreifach auf: Im Berliner Martin- Gropius-Bau hängen 60 Bilder in der Schau „Wenn der Vorhang fällt“, in den Hamburger Deichtorhallen finden sich unter den „Traummännern“ gleich fünf von Broich, und in der Berliner Galerie „Contributed“ zeigt sie „Portraits & Westerwald“, eine kleine Heimat-Schau, denn Broich wurde 1960 in Neuwied geboren und wuchs dort auf.
Die meisten ihrer Fotos sind Porträts, Bilder von Kollegen, mit denen sie arbeitet. Broich fotografiert sie nach der Vorstellung, in den Drehpausen, in den Garderoben, vor den Schminktischen, hinter den Kulissen. Meist am Ende des Stückes, allein, müde, abgekämpft, ausgelaugt und verschwitzt, oft noch in der Maske – ein Tod und ein Teufel mit Zigarette oder ein Feldherr, der die Bierflasche zwischen die Knie klemmt und mit beiden Händen festhält. Man sieht noch Anspannung und Abwesenheit in den Gesichtern der Schauspieler, und in der Körperhaltung verwandelt sich die Anstrengung in Erschöpfung.
Alle Porträtierten – darunter Martin Wuttke, Ben Becker, Kate Winslet, Veronika Ferres, Klaus Maria Brandauer, Christoph Schlingensief, Martina Gedeck, Sophie Rois, Christiane Hörbiger oder John Malkovich – schauen die Fotografin an, und obwohl sie wissen, dass sie fotografiert werden, posiert keiner. „Die sitzen einfach nur noch da und wirken oft fast orientierungslos“, sagt sie, da sei „kein Darstellungstrieb“ mehr, „da hängen die Arme runter – und fertig“.
Schnell, in höchstens zehn Minuten, macht sie ihre Fotos, manchmal mit Stativ, immer ohne besonderes Licht und ohne Blitz, „wenn der Brandauer zehn Stunden Wallenstein gespielt hat, will der nur noch in die Dusche“, sagt sie. Manchmal fotografiert sie allerdings auch dort, zum Beispiel den Kölner „Tatort“-Kommissar Dietmar Bär in der Badewanne. Natürlich mit dessen Wissen, denn er schaut direkt, wenn auch anscheinend etwas genervt, in die Kamera. „Ich fotografiere niemals heimlich und auch nicht nach dem Motto, hier sehen Sie was, was ich abgeknallt habe“, sagt sie, und sie wolle, „dass der Betrachter sieht, derjenige mit verrutschter Perücke wusste, wann ich auf den Auslöser drücke.“

Ähnlichkeit mit einer Museums-Tüte

Fremde Menschen fotografiert sie übrigens nie, die meisten Bilder entstehen während gemeinsamer Theater- oder Dreharbeiten. Nur drei- oder viermal hat sie ein Bild richtig geplant und ist eigens dafür irgendwo hingereist wie zu John Malkovich, den sie aber schon lange persönlich kannte.
Viel öfter entstehen ihre Fotos zufällig. Das mit dem „Jedermann“-Teufel Peter Jordan neben einem blauen Mülleimer. Oder das von Marie Gruber, deren Gesicht dem Porträt auf einer neben ihr hängenden Museums-Tüte total ähnelt. Bei den gemeinsamen Dreharbeiten zu „Der Vorleser“ hat Broich das Bild aufgenommen, genau wie das Foto von Kate Winslet in ihrer Garderobe. Ihre eigene Rolle im Film bestand aus „ungefähr fünf Sätzen“, sagt Broich und lacht.
Schauspielerin hatte Broich eigentlich immer werden wollen, studierte aber erst Fotodesign an der Dortmunder Fachhochschule. Ein Jahr lang arbeitete sie bei Claus Peymann in Bochum als Theaterfotografin, dann studierte sie Schauspiel an der Berliner Hochschule der Künste. Bei ihrem ersten Engagement in Frankfurt kannten noch viele ihrer Kollegen sie als Fotografin, und weil sie Porträts brauchten, holte Broich ihre Fotoausrüstung aus Berlin. „Das war am Mittwoch, am Samstag wurde bei mir eingebrochen und alles wurde gestohlen.“ Eine Katastrophe – „Ich war keine Fotografin mehr“, sagt Broich.
Bis 2001. Als sie in Christoph Schlingensiefs „Rosebud“ an der Volksbühne Doris Schröder-Köpf spielt, ist sie über ihr Blut überströmtes Gesicht im Spiegel so schockiert, dass sie sich selbst porträtiert. Die alte Liebe zur Fotografie ist zurück. Sie fotografiert immer wieder ihren Mann Martin Wuttke und ihre „großartige Kollegin“ am Berliner Ensemble, Ruth Glöss, und zeigt die Fotos anderen Kollegen. „Das hat mir Tür und Tor geöffnet“, erzählt Broich.
Nicht immer ging alles so, wie sie wollte. „Manches habe ich vergeigt“, sagt Broich, „gute Motive, aber zu körnig, zu unscharf, nicht brillant“ und nur für kleine Abzüge geeignet. Aber Broich zeigt auch brillante, große Formate. Zum Beispiel, „wenn es darauf viel zu sehen gibt“ wie auf dem Foto von Ottfried Fischer und seinem Garderobier vor einer Alpenlandschaft-Fototapete.