Stern

14 Seiten im Stern vom 10. März 2011. Zeitgleich gibt es ein Porträt im iPad-Magazin.

Das Porträt für das iPad-Magazin

Stern Strecke

Und noch eine Stulle. Und ein letzter Whisky.
Dann geht es raus in die andere Welt

Mitten im „Hamlet“ kippte die Mauer weg. Heiner Müller inszenierte das Stück gerade in Ostberlin, und seine Freundin, die hochbegabte Margarita Broich, geisterte als bleiche Ophelia orientierungslos, wie eine, die nicht mehr weiß, wohin sie gehört, über die Probebühne des Deutschen Theaters. In der Pause aßen wir in der Kantine Erbsensuppe für Ostmark, und Müller wollte so viele Nägel in die deutsch-deutsche Suppe werfen, dass sie ungenießbar wird. Für Dramatiker, sagte er, sind Diktaturen interessanter, und er fragte sich, wer nun wohl der Geist in Shakespeares Stück sei: Stalin oder die Deutsche Bank? Da lachte Margarita Broich ihr herzerfrischendes Lachen und sagte: Heiner, du versuchst mal wieder die Götter mit deinem losen Mundwerk.

So ist sie: bodenständig, witzig, intelligent. Und sie ist in all ihren Rollen herrlich präsent. Als Piperkarcka in Hauptmanns „Ratten“, als Adelheid in Goethes „Götz“, als Bäuerin „Unter Bauern“ mit Veronica Ferres, im „Teufelsbraten“ mit Ulrich Noethen. Sie spielte bei Einar Schleef und George Tabori, bei Robert Wilson und ihrem Lebensgefährten Martin Wuttke. Ich habe Margarita Broich so manches Mal in der Kantine des Berliner Ensembles beobachten können. Als ihr Martin nach seiner Glanzrolle als Brechts „Arturo Ui“ völlig abgekämpft, aber total aufgekratzt seine erste Zigarette raucht, weiß sie, dass er vor drei Uhr keinen Schlaf finden wird. Hundemüde hängt sie noch weit nach Mitternacht am Hals ihres Helden. Und noch eine Stulle. Und ein letzter Whisky. Dann geht es raus in die andere Welt.

Margarita Broich kennt ihn also genau, diesen Zustand nach einer Vorstellung, wo der Schauspieler zwischen zwei Menschen steht, zwischen sich und der Rolle, die langsam abklingen muss. Der Applaus ist verrauscht, der Vorhang gefallen, man hat keinen Darstellungswillen mehr, sagt sie, der bei Schauspielern sonst so ausgeprägt ist, man ist kaputt, ohne Lust und ohne Kraft, glücklich ja, will aber nur noch in die Garderobe mit seiner Pappnase, seinem leeren Kopf, dem verrutschten Kostüm und der verschwitzten Maske. Die ganze Eitelkeit ist dahin. Es hat mal einen Paragrafen gegeben, sagt sie, der einem Bühnenschauspieler nach der Vorstellung für etwa eine Stunde Unzurechnungsfähigkeit wegen Bewusstseinsstörung bescheinigte. Und da muss sie denn auch schon wieder lachen. Sagt: Wenn Hamlet oder Wallenstein ihre Frau umbringen möchten, sollten sie das gleich nach dem Rollenmarathon machen, damit sie Strafmilderung bekommen. Dass Margarita Broich ihre Kollegen in diesem so heiklen, so diskreten Moment fotografieren durfte, hatte zuerst mit ihr selbst zu tun. 2001 spielt sie in Christoph Schlingensiefs surrealem Stück „Rosebud“ an der Berliner Volksbühne die Kanzlergattin Doris Schröder Köpf. Sie kommt nach der Vorstellung in ihre Garderobe, sieht sich im Spiegel – und erschrickt. Blut läuft über ihr Gesicht und tropft aufs Kleid. Wie bei einem Verkehrsunfall. Auf der Bühne war es ein Schuss. Mit Theaterblut. So hat sie sich fotografiert, hat das Foto gezeigt, die Kollegen haben begriffen, und es entstanden ihre aufregenden Augen-Blicke.

Denn die Akteure schauen sie an. Da ist nichts Heimliches, nichts Abgeschossenes. Mit vielen Schauspielern ist sie befreundet. John Malkovich kennen Wuttke und sie seit Jahren, haben ihn auch mal besucht. Nie würde sie zu jemandem, den sie nicht kennt, in die Garderobe gehen und fragen: Darf ich mal? Und sie selbst ist beim Porträtieren immer im Theater- oder Filmkostüm, denn ihre Bilder entstehen
dort, wo auch sie gerade spielt. Einmal geschieht Folgendes: Sie drehen „Teufelsbraten“ nach einem Roman von Ulla Hahn. Sie sagt zu Peter Franke, der abgeschlafft in langer weißer Unterhose und mit Pfeife im Mund auf sie zukommt: So möchte ich dich jetzt fotografieren. Aber klar, sagt er. Gut, sie hole nur eben ihre Kamera. Und als sie zurück ist, liegt der Erschöpfte mit der warmen Pfeife in der Hand eingeschlafen auf der Couch. Der Einzige, der sie nicht anschaut. Bei Christiane Höriger ist es eine Frage von Respekt und Diskretion. Sie spielt eine Krebskranke, die nur einen Tag mit Glatze dreht. Wie nach einer Chemotherapie. Und Margarita Broich, die im Film ihre Tochter ist, traut sich nicht recht, sie zu fragen. Da holt die Hörbiger sie in ihren Wohnwagen, als der Maskenbildner ihr das Kahle
wieder vom Kopf pult. Und sie schenkt der Fotografin einen Blick, der das Foto zum Kunstwerk macht.

Nein, Margarita Broich ist keine Schauspielerin, die sagt: Und nun knips ich mal meine Kollegen. Sie ist gelernte Fotografin. Sie hat das in Dortmund an der Fachhochschule studiert. Abisag Tüllmann ist ihr großes Vorbild. So wie die wurde auch sie Theaterfotografin. Bei Claus Peymann in Bochum. Und sie glaubt, die Leute ganz schön genervt zu haben. Weil sie zu laut war, weil sie Clogs trug, weil sie immer da stand, wo sie den besten Blick hatte, aber störte. Und manchmal, wenn sie die Schauspieler
spielen sah, vergaß sie, auf den Auslöser zu drücken, und dachte: wie schön da oben im Licht. Und
ich steh gleich wieder in der Dunkelkammer. Da mischt sich das Schicksal ein. Ihre Wohnung wird aufgebrochen, und ihr ganzes Handwerkszeug, all die Nikons und Leicas werden gestohlen. Wie unter Schock arbeitet sie nur noch mit Wegwerfkameras, geht 1983 nach Berlin und studiert Schauspiel an der Hochschule der Künste. So wird denn, wie sie sagt, die Berufsfrage durch den Einbruch geklärt. Aber was für ein Comeback jetzt!
Sie ordnet ihre Fotos für die große Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Sucht auch die raus, die zur gleichen Zeit in der Berliner Galerie Contributed gezeigt werden. Und da stehen sie nun alle, ein Künstler neben dem anderen: Kate Winslet und John Malkovich, Ulrich Tukur und Ben Becker, Sophie Rois und Klaus Maria Brandauer, Christiane Hörbiger und Martin Wuttke. Und ich stand ganz gerührt da, sagt
sie, denn alle Augen waren auf mich gerichtet, alle schauten mich an – sinnlich, selig, vergnügt und so vertraut. Und da denkt sie: Was ist das doch für ein verrückter, toller Beruf – Schauspieler.