Süddeutsche

Der Artikel ist erschienen in der Ausgabe Nr. 179 vom 6. August 2009 auf Seite 9

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Abgeschminkt

von Christopher Schmidt

Es muss nicht immer die Zigarette danach sein, obwohl sie Martin Wuttke ebenso gegönnt sei wie Ottfried Fischer. Auch Klaus Maria Brandauer hat sich sein Feierabend-Bierchen redlich verdient. Abgekämpft hockt er nach der zehnstündigen „Wallenstein“-Schlacht in der Garderobe, halb lauernd noch, halb schon gelöst, die Anspannung ist in seinem Gesicht selbst zu einer Maske erstarrt, der Blick müde und leer. Dass Theater nicht nur gespieltes, sondern eben auch gelebtes Leben ist, dafür ist Brandauer das beste Beispiel, so wie Margarita Broich ihn fotografiert hat: gezeichnet von der Vorstellung, die nachglüht in seinem Gesicht.

Margarita Broichs Porträts, die im Salzburger Rupertinum erstmals öffentlich ausgestellt sind, zeigen Schauspieler in einer Drehpause, zwischen zwei Auftritten oder unmittelbar nach der Vorstellung, an jener magischen Schwelle zwischen Rolle und Privatheit. Nicht jedem würden es Schauspieler gestatten, sich in ihrem wohl durchlässigsten Moment ein Bild von ihnen zu machen, einem Moment, da sie von beidem entblößt sind: der Rolle auf der Bühne und der im Leben. Margarita Broich genießt dieses Privileg, denn sie ist selbst Schauspielerin. Ihren ersten Beruf als Fotografin hat sie jedoch beibehalten. Sie schaut als Kollegin hinter die Kulissen. Ihre großformatigen Farbfotografien sind eine Hommage an Schauspieler wie Kate Winslet und Martina Gedeck, Otto Sander und Sophie Rois, Christiane Hörbiger, Veronica Ferres und viele andere.

Wie Brandauer die Bierflasche so hat auch Peter Simonischek sein Weißbierglas mit beiden Händen umfasst, auch er ein Kämpe, der sein Schwert kaum noch halten kann. Simonischek trägt das härene Hemd des Jedermann, doch daneben warten bereits die Adíletten. Eine wilde Strähne hängt ihm ins verschwitzte Gesicht, am Kinn ein wenig schwarze Farbe, wo ihn im Stück der Tod berührt hat. Sehr ernst schaut Simonischek, da ist nichts mehr von der schäumenden Vitalität der Bühnenfigur, ein anderes Feuer macht seine Züge unendlich schön.. Das Wesen dieser Schönheit hat Walter Benjamin das „Aufflammen der äußeren Hülle“ genannt, „eine Verbrennung des Werkes, in welcher seine Form zum Höhepunkt ihrer Leuchtkraft kommt. “ Sie zeige, „daß Wahrheit nicht Enthüllung ist, die das Geheimnis vernichtet, sondern Offenbarung, die ihm gerecht wird“.

Denkwürdig ist bei allen Aufnahmen der Kontrast zwischen der entrückten Aura der Schauspieler und der tristen Umgehung mit ihren Campingstühlen und Linoleumfliesen. Doch sieht Julia Jentsch im geklöppelten Spitzenkleid der Effi Briest nicht erst recht aus wie ein Engel, wenn sie von einem Wohnwagen eingerahmt wird? Ein anderes Foto zeigt Sebastian Koch, er spielt in „Effi Briest“ den Baron von Innstetten. Koch posiert im seidenen Morgenrock vor dem Falternwurf eines Vorhangs wie auf einenm alten Gemälde. Der Hemdkragen gelöst, der Blick waidwund, doch was er innig an sein Herz drückt, ist kein Angorakatzchen, sondern eine Wärmflasche aus blauem Gummi. Ein ironisches Spiel mit der Traumfabrik.

Kann man den Tod mit einer Flasche Lösungsmittel entmachten? Vor dem Schminkspiegel sitzt Clemens Schick, in der Hand einen Kleenex-Bausch, um sich von seiner Ganzköıpermaske als Tod im „Jedermann“ zu befreien. Körperlich wird erfahrbar, was es heißt, seine Rolle abzulegen: sich selbst die Haut abziehen, Und dass dem äußeren Vorgang der innere selten entspricht. Denn im Gesicht des Schauspielers steht noch der Ausdruck seiner Rolle wie ein gefrorener Augenblick. Diese Ungleichzeitigkeit macht die Faszination der Bilder von Margarita Broich aus.

„Alles, was tief ist, liebt die Maske“, sagt Friedrich Nietzsche. Denn „es gibt Vorgänge so zarter Art, daß man gut tut, sie durch eine Grobheit zu verschütten und unkenntlich zu machen“. Vorgänge von so zarter Art hat Margarita Broich eingefangen, ihre Bilder handeln von der Scham, die eine Maske braucht, weil sie etwas unsagbar Kostbares und Verletzliches birgt.