WAZ

Der entspannte Rücktritt

Julia Emmrich

Der Vorhang zu, die Linse offen: Die Schauspielerin Margarita Broich („Unter Bauern“) fotografiert Prominente in der Sekunde zwischen Bühnenrolle und Privatmensch Über 60 ihrer Porträts sind im Berliner Gropius-Bau zu sehen – und Karl-Theodor zu Guttenberg sucht man vergebens. Ein Gespräch über Durchblutung, Verwechslung und Arbeitsteilung.

Hätten Sie den Ex-Minister gerne fotografiert, als für ihn der Vorhang fiel?
Margarita Broich: Ja, schon. Ich denke, man müsste zu Guttenberg von hinten fotografieren. Im Abgang. Normalerweise gucken die Leute bei mir aber direkt in die Kamera, weil ich nicht will, dass der Eindruck entsteht, ich hätte sie heimlich im Flur abgeschossen. Es sind ja auch meistens Kollegen die ich gut kenne, mit denen ich gerade gespielt habe. Guttenberg hätte vielleicht erst einmal mit mir essen gehen müssen.

Der Vorhang zu, die Garderobe offen – was ist dran an diesem Moment?
Es ist schon eine Art Rücktritt, dieser Abtritt von der Bühne. Die Leute sind auf einmal sehr entspannt und haben keinen Darstellungsdrang mehr. der ist abgespielt. Oft gibt es bei Schauspielerfotos ja diesen Habitus: .Ich hin tiefgründig und interessant. Die Schauspieler auf meinen Fotos dagegen sind gerade völlig ohne jeden Ehrgeiz. Und sie sehen sehr schön aus: Weil sie gearbeitet haben, gut durchblutet sind.

Es ist gibt ein berührend müdes Porträt von Kate Winslet am Rande des Drehs für den „Vorleser“.
ln dem Film habe ich eine kleine Rolle gespielt, eine der Mitangeklagten. Da saß ich neun Tage mit ihr in diesem Gerichtssaal. Wenn Kate leichtere Szenen hatte, unterhielten wir uns den ganzen Tag über Kindergärten und was man mit Kindern in Berlin unternehmen kann. Anschließend das Foto von ihr zu machen, war dann ganz
unkompliziert.

Es ging nicht immer so glatt.
ln Hamburg habe ich versucht, ]ohn Malkovich zu fotografieren, in der Garderobe. Ein Horror: Der Mann sieht fantastisch aus, aber überall standen Blumen und lagen Brötchen herum und im Hintergrund hing ein riesiges Waschbecken.

Wer war am Mutigsten?
Christiane Hörbiger. Sie sieht sonst großartig aus und hat wunderschöne Haare, aber hier spielte sie eine krebskranke Frau mit Glatze, die in der Maske dann auch noch so grotesk aufgerissen wurde. Sie meinte: „Gerne für die Kunst, nicht fürs Internet“.

Klar, mit fiesen Fotos kann man Schindluder treiben. Reden Sie mit ihren Söhnen über so etwas?
Ich glaube. mein großer Sohn ist der einzige neunzehnjährige Schüler in Berlin, der kein Handy hat weil er das uncool findet. Er kann damit also auch keine blöden Fotos machen.

Sie leben mit Martin Wuttke zusammen, der den Leipziger Tatort-Kommissar spielt. Böse Erfahrungen mit Paparazzi?
Nein. aber manchmal stehen ältere Damen vor mir und sagen: „Ich kenne Sie doch“. Sie haben mich mal in einem Film gesehen, vermischen das dann aber und meinen, ich sei wohl die Arzthelferin, die ihnen immer Blut abnimmt. Es ist mir dann zu blöd zu sagen: „Hey. Sie kennen mich aus dem Fernsehen“

Wer schmeißt bei Ihnen den Schauspielerhaushalt?
Na. wer schon? lch habe es aufgegeben, deswegen den Familienfrieden zu ruinieren. Und es fällt mir tatsächlich schwer. Martin um sieben Uhr zu wecken, wenn er abends eine große Rolle spielt. Es läuft schon so, dass ich mich frage: „Kann man Hamlet bitten, den Müll runter zu bringen?“

Vermissen Sie den tiefen Westen?
Ach, wir sind ja oft da. Mein Mann ist ja auf Schalke geboren und Martin kriegt immer noch Tränen in die Augen wenn er das Ortsschild „Bochum“ sieht.