RP-Online

Veröffentlicht am 18. Apr, 2011 in WEB

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Frank Stella lässt Kleist schweben

von Frank Dietschreit

Ausstellungen in Berlin: Margarita Broich zeigt ungewöhnliche Fotografien von Schauspielerkollegen, Frank Stella und Santiago Calatrava beschäftigen sich mit Heinrich von Kleists Kohlhaas, und Cyprien Gaillard kümmert sich um die politische Geschichte des Pergamonaltars.

Klaus Maria Brandauer ist müde. Stundenlang hat er in der Rolle von Schillers „Wallenstein“ die Welt bewegt und die Bühne beherrscht. Jetzt hockt er im schlabberigen Bademantel in der Garderobe und trinkt Bier. Ben Becker geht es ähnlich. Nach einer Salzburger „Jedermann“- Vorstellung blickt er, noch ganz mit Theaterschlamm bedeckt, abwesend in die Kamera und raucht eine Zigarette.
Der Schlussapplaus ist verklungen, der Vorhang gefallen. Die Schauspieler, die eben noch die Liebe des Publikums genossen haben, sitzen nun wie seelenlose Zombies in der Garderobe. Sie befinden sich für einen kurzen Moment in einem seltsamen Zwischenreich: halb noch in der Rolle, halb schon wieder in der Wirklichkeit. Und der Schauspielerin Margarita Broich ist es gelungen, ihre Kollegen genau in jenem intimen Augenblick schwankender Befindlichkeit zu porträtieren und sie dabei mit Würde zu behandeln.
„Wenn der Vorhang fällt“ heißt die Ausstellung im Berliner Martin- Gropius-Bau, die 60 meist ebenso großformatige wie großartige Künstlerporträts zeigt. Als Schauspielerin ist Broich seit vielen Jahren bekannt, als Fotografin ist sie eine überraschende Neuentdeckung. Die Idee zu ihrer Fotoserie ist ihr gekommen, als sie nach einer Schlingensief-Vorstellung in den Garderobenspiegel schaute und sich kaum wiedererkannte: ein mit Theaterblut verschmiertes, mit irren Augen entrücktes Gesicht.
Diesen Ausdruck völliger Entrückung, diesen Moment, in dem Müdigkeit und Erleichterung zusammenkommen, hat sie auch bei ihren Kollegen gefunden. Ob Kate Winslet oder John Malkovich, Veronica Ferres, oder Otto Sander: sie alle haben sich, ohne in einer Rolle zu posieren, ihr Innerstes nach außen gekehrt und sich offenbart.
Margarita Broichs Schauspieler-Porträts sollen Appetit machen auf das im Mai stattfindende Berliner Theatertreffen. Auch ein Vorbote zu den großen Feierlichkeiten zum 200. Todestag von Dichter Heinrich von Kleist, der am 21. November 1811 erst seine Bekannte Henriette Vogel erschoss und sich dann selbst eine Kugel in den Kopf jagte, ist bereits in Berlin angekommen. Der amerikanische Künstler Frank Stella hat zusammen mit dem spanischen Architekten Santiago Calatrava eine gigantische Bild-Skulptur gefertigt: „The Michael Kohlhaas Curtain“, ursprünglich ein 40 Meter langes Wandbild, hat sich jetzt, für die Ausstellung in der Berliner Neuen Nationalgalerie, in einen ringförmigen Panorama-Korpus verwandelt.
Aufgehängt in luftiger Höhe über den Besuchern im Zentrum der Glashalle wird die expressive und knallbunte Installation zu einem verwirrenden, rätselhaften Raumerlebnis. Schwer auszumachen, was die abstrakten Zeichen und kantigen Farbflächen mit Kleists Erzählung vom legendären Rosshändler Michael Kohlhaas zu tun haben, der, aus verletztem Rechtsgefühl, zur Selbstjustiz griff und brandschatzend und mordend durch deutsche Lande zog. Gleichwohl ist es eine aufregende Fusion von Literatur und Architektur in van der Rohes strengem Haus.
Formal äußerst streng und trotzdem in der angestrebten Eroberung und Veränderung durch das Publikum äußerst spielerisch ist Cyprien Gaillards Pyramide aus blauen türkischen Bierkartons. Der Shooting-Star der Kunstszene hat seiner im „KW Institute for Contemporary Art“ aufgestapelten Pyramide den Titel „The Recovery of Discovery“ gegeben.
Verweisen will er damit auf den aus der heutigen Türkei nach Berlin gebrachten Pergamonaltar, auf seine ideologische Instrumentalisierung durch verschiedene politische Systeme und seine Rolle als Touristenattraktion.
Es geht um historische Amnesie, Vergessen, Verdrängen. Deshalb zielt das Kunstwerk auf seine eigene Demontage: Die zum Bierkonsum aufgeforderten Besucher tragen die Skulptur Flasche für Flasche, Karton für Karton ab. Zum Schluss wird es keine Kunst, kein Erinnern mehr geben. Beängstigend.

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