Tagesspiegel

Veröffentlicht am 1. Apr, 2011 in WEB

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Wallenstein trinkt Flaschenbier

Von Christian Schröder

Für diese Momentaufnahmen fallen die Darsteller – noch im Kostüm und frisch geschminkt – aus ihrer Rolle. „Wenn der Vorhang fällt“: die grandiosen Schauspielerportraits von Margarita Broich im Berliner Martin-Gropius-Bau.

Die Stille nach dem Schlussapplaus muss ohrenbetäubend sein. Das Spiel ist aus, die Gesichter der Schauspieler sind nun leer. Ihre Lippen: geschlossen. Es gibt keinen Text mehr, den sie zu sprechen hätten. Euphorie schlägt um in Erschöpfung, die Körper stecken noch in
Kostümen, auf der Haut klebt Schminke, manchmal schon verschmiert, aber noch sind die Schauspieler nicht ganz angekommen in der Wirklichkeit. Sie müssen heraus aus ihrer Rolle und zurück in die Welt, in ihr eigentliches Ich. Groß und hochtrabend mögen die Worte gewesen sein, die sie auf der Bühne oder vor der Kamera gesprochen haben, jetzt ist etwas anderes groß: der Durst.
Jürgen Holtz trinkt Kaffee aus der Thermoskanne, flätzt sich auf ein Sofa, feixt albern herum, ein Tischventilator kühlt seinen verschwitzten Körper. Peter Simonischek in der Büßerkutte des Salzburger „Jedermann“ gönnt sich ein Weizenbier. Neben seinem Stuhl steht ein Paar Badeschlappen, Marke: Adiletten. Er wirkt wie der Fußballer einer Seniorenmannschaft nach einem im Elfmeterschießen gewonnenen Finale. Jörg Pohl, Bernhard Schütz – mit grotesk gepudertem Gesicht, halb verschattet von
einem „Coca Cola“-Kühlschrank – und Klaus Maria Brandauer halten Bierflaschen. Brandauer kauert in der Garderobe, zottelhaarig, graubärtig und barfuß. Der Großschauspieler nach einer Theaterschlacht, er hat als „Wallenstein“ die Strapazen von Peter Steins zehneinhalbstündiger Berliner Mammutinszenierung hinter sich. Kunstblutflecken im Brustbereich seines Gewandes bezeugen den gewaltsamen Tod im letzten Akt von Schillers Dramen-Trilogie. „Ich denke einen langen Schlaf zu halten / Denn dieser letzten Tage Qual war groß.“
„Wenn der Vorhang fällt“ heißt die Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau, die 60 Fotografien von Margarita Broich versammelt. Der Titel wirkt wie ein Seufzer der Erleichterung, die groß- und mittelformatigen Aufnahmen zeigen Momente größter Intimität. In ihnen bündeln sich die Anstrengungen eines ganzen Theaterabends oder eines Drehtages – ein „Hamlet“, Brechts „Arturo Ui“, eine Folge „Pfarrer Braun“ mit dem Darsteller-Koloss Ottfried Fischer –, und die Portraitierten sind gleichsam nackt. Solche Bilder können wahrscheinlich nur aus einer Vertrautheit heraus entstehen. Broich, 50, hat Fotodesign studiert und als Theaterfotografin in Bochum gearbeite evor sie die Seiten wechselte und nach einer Schauspielausbildung Ensemblemitglied in Frankfurt am Main und am Berliner Ensemble wurde. Inzwischen ist sie Freiberuflerin. Nach einem Auftritt in einem Stück von Christoph Schlingensief kam sie theaterblutverschmiert in ihre Garderobe und war von ihrem eigenen Spiegelbild verstört. „Ich glaube“, sagt sie, „das war der Auslöser, diesen eigenartigen Zwischenzustand nach einer Vorstellung bei meinen Kollegen, mit denen ich gespielt habe, festzuhalten“.
Broichs Bilder sind keine Schnappschüsse, das Licht ist perfekt gesetzt, einige Fotos sehen aus wie gemalt. Ben Becker scheint sich nach dem „Jedermann“ in eine Skulptur verwandelt zu haben, die napoleonhafte Büste eines Generals. Seine Haut, von der man jede Pore zu erkennen glaubt, ist grauweiß eingepudert, der Ledermantel schimmert golden, in der Hand steckt eine Zigarette. Nur die blutunterlaufenen Augen wirken lebendig. Die bleiche, zerbrechlich anmutende Sunnyi Melles hockt auf der Bühnenrampe, hinter sich den abendlich illuminierten Zuschauersaal des Hamburger Thalia-Theaters. Sie hat die „Phädra“, eine Selbstmörderin, gespielt und drückt ein Messer gegen ihren Bauch.
Derlei Gesten wirken, wenn der Vorhang fällt, bewusst überkandidelt, backstage weicht das Theaterpathos dem Unernst. Martin Wuttke trägt Damenhaar, vor ihm auf der Bühne leckt sich ein Pudel das Maul. Dietmar Bär sitzt in einer viel zu kleinen Badewanne. Und warum hält Walter Schmidinger lächelnd die Autobiografie von Maria Schell vor seine Brust? Peter Jordan ist als schwarz bemalte, bocksfüßige und gehörnte Gestalt aus dem Theater auf eine Parkbank geflohen. Auch der Teufel sehnt sich nach Entspannung.

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